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Mama ist ein Junkie

Archivartikel

"Die beste aller Welten": Adrian Goiginger verfilmt seine Kindheitserinnerungen

Ein etwas anderer Heimatfilm. Eine Mutter-Sohn-Geschichte. Eine Milieustudie. Ausgelassenes Treiben in den Auen der Salzach. Der siebenjährige Adrian genießt den Tag. Er tollt herum, planscht im Wasser, springt ums Lagerfeuer, zündet Kracher und freut sich über eine gefundene Pfeilspitze. Ein ausgelassener Familienausflug. Eine Idylle. Doch wenn man genau hinsieht, erkennt man, dass die Erwachsenen abgerissen wirken, Mama Helgas Blick getrübt ist. Sie ist heroinabhängig - wie Lebensgefährte Günter (Lukas Miko), ihr der "Grieche" genannter Dealer (Michael Pink) und die anderen Kumpels, die hier gemeinsam abhängen.

Doch das versteht der kleine Junge, dessen leiblicher Vater vor seiner Geburt gestorben ist, (noch) nicht. Für ihn ist dies "Die beste aller Welten". Seine Mutter liebt ihn über alles. Sie ist zerrissen zwischen ihrem Vorsatz, sich so gut wie möglich um ihr Kind zu kümmern, und dem Zwang, mit Drogen ihre innere Leere zu bekämpfen. Das wenige zur Verfügung stehende Geld wird meist für den nächsten Schuss ausgeben, die "seelenlosen" Mitarbeiter des Sozialamts, die regelmäßig zur Kontrolle der Lebenssituation vorbeischauen, müssen getäuscht werden. Alltag für den kleinen Adrian (Jeremy Miliker). Seine Welt ist sorgenfrei und erlebnisreich, er genießt eine unbeschwerte Kindheit. "Abenteurer" will er werden, wenn er groß ist. "Du kannst alles werden, was du nur willst", versichert ihm Helga (Verena Altenberger).

Auf das Abenteuer Spielfilm hat sich der Salzburger Adrian Goiginger, Jahrgang 1991, auf dessen Kindheitserlebnissen sein Erstling basiert, eingelassen. Als Hommage an seine 2012 verstorbene Mutter, die damals schon lange Jahre clean war, sieht er das Projekt, bei dem ihm sein Stiefvater, dem es auch gelungen ist, seine Sucht zu überwinden, beratend zur Seite stand. Den richtigen Ton zwischen nostalgischer Verklärung und kritischer Vergangenheitsbewältigung findet er bei seiner ungewöhnlichen Coming-of-Age-Story. In Helgas Wohnung hängen die traurigen, in den Tag hineinträumenden Gestalten ab, steigen einfach über den Balkon ein, wenn ihnen die Haustüre verschlossen bleibt.

Die Fenster sind zugehängt, man fühlt sich wie in einer Gruft - und mittendrin spielt der fantasiebegabte Adrian. Er zeichnet, malt, sieht fern - und wird von Alpträumen geplagt, die er nicht versteht. In ein Salzburg jenseits des Festspielglanzes entführt das dokumentarische Drama, die bewegte Kamera (Yoshi Heimrath & Paul Sprinz) bleibt meist auf Augenhöhe des Buben. Sehr genau schildert Goiginger die am Rande der Wohlstandsgesellschaft angesiedelte "Szene", sehr zur Authentizität trägt der gesprochene Salzburger Dialekt bei, in der Siedlung, in der der Regisseur aufwuchs, wurde gedreht. Dort wo er als Kind einen Wohnungsbrand verursachte, wo er fast an einer im Kühlschrank gelagerten Opiumtinktur gestorben wäre.

In letzter Minute hat man ihn damals ins Krankenhaus gebracht, ein entscheidender Wendepunkt in Helgas Leben. Auf Entzug hat sie sich daraufhin begeben, erfolgreich - und schmerzhaft, musste sie dafür doch das Sorgerecht für Adrian auf längere Zeit abgeben.

Aus über 200 Jungen wurde der talentierte Miliker ausgewählt. Der quirlige, sympathische Newcomer und die bereits vielfach, unter anderem auf Festivals in Graz und Moskau ausgezeichnete, differenziert und mit viel Einfühlungsvermögen aufspielende Altenberger ("Die Hölle - Inferno") tragen diesen nüchternen, mit Herzblut gestalteten Film zum fast unwahrscheinlichen, anrührenden Happy End. Man darf aufatmen. In der Realität fußen die besten Geschichten.