Kino

„Misstraue jedem Gefühl von Heimat“

Archivartikel

„Transit“: Interview mit Regisseur Christian Petzold über sein Flüchtlingsdrama

Auf der Flucht vor den Nazis nimmt der junge Georg die Identität eines toten Schriftstellers an: Anna Seghers (1900-1983) hat mit „Transit“ einen fesselnden Roman über deutsche Emigranten in der NS-Zeit geschrieben. Christian Petzold verlegt die bis heute politisch brisante Geschichte in das heutige Marseille. In diesem Interview spricht der Regisseur über sein Flüchtlingsdrama.

Wie sind Sie auf den Roman „Transit“ gekommen? Was diente Ihnen als Inspiration für ihren Film?

Christian Petzold: Das Buch verbinde ich mit Harun Farocki. Es ist eines der großen Bücher unseres Lebens. Mich hat das alles immer interessiert – diese kommunistische, homosexuelle, jüdische Kultur, die durch den Faschismus zerstört wurde, aber ins Exil geht und in Hollywood die Schwarze Serie, eine andere Literatur, eine andere Musik erfindet.

Wie sehr fühlten Sie sich dem Roman von Anna Seghers verpflichtet? Halten sie sich penibel an das Original?

Petzold: Es geht um ein Lektüreerlebnis, das auch die Grundlage dieses Films ist. Deshalb halte ich mich gar nicht so sehr an das Buch und habe trotzdem das Gefühl, ihm gerecht zu werden.

„Transit“ spielt in der Gegenwart, der Roman erzählt aber von Exildeutschen, dem jungen Georg und der mysteriösen Mari, die vor den Nazis aus Europa fliehen wollen. In Ihrem Film versetzen sie diese Geschichte in die Welt von heute.

Petzold: Ja, so ist es. Ich empfinde die Rekonstruktion einer Welt, die ich nicht selber kenne, als Anmaßung.

Sie lassen Georgs Geschichte von einem Barbesitzer erzählen – und nicht in der ersten Person, wie man es von vielen Filmen kennt. Das ist schon unüblich. Was war Ihre Intention dahinter?

Petzold: Ich finde, dass das Ich im Kino nichts zu suchen hat. Im Kino muss sich der Zuschauer selber zurechtfinden. Deswegen habe ich gedacht, dass es viel interessanter wäre, wenn uns jemand über eine Geschichte berichtet, wie sie ihm erzählt wurde. So haben wir einerseits die Erzählung und dann die Realität der Kinobilder. Daraus entsteht eine Spannung.

Sie spielen in ihrem Fall ja auch auf die heutige Flüchtlingskrise an, die viele Menschen beschäftigt.

Petzold: Der Transit-Raum ist heute die „boarding zone“ der Flughäfen. Es ist aber nicht nur ein geografischer Transit, sondern auch ein zeitlicher. Im Film begegnen sich die Reisenden der 40er Jahre und die Reisenden von heute mit Verständnis.

Was interessiert Sie persönlich immer wieder an der Exil-Literatur?

Petzold: Es interessieren mich Leute, die aus der Gemeinschaft gefallen sind oder aus ihr herauskatapultiert werden. Filmen mit einer Kleinstadtidylle, in die von Außen etwas eindringt, misstraue ich. Jede Form von Identität und Heimat heißt immer auch, dass irgendjemand dafür bluten muss. Das ist bei den französischen Filmen, etwa von Claude Chabrol, anders. Von Beginn an ist klar, dass etwas faul ist.