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Misswirtschaft und Mubarak

Archivartikel

"Die Nile Hilton Affäre": Ein Polizist untersucht den Tod einer populären Sängerin

"Die Nile Hilton Affäre". Das klingt kosmopolitisch, verspricht Glanz, Glamour und große Geschäfte - wäre das Werk nicht am Vorabend des "Arabischen Frühlings" im Januar 2011 angesiedelt. Ein diffuser, fast undurchsichtiger Dunst- und Smogschleier hängt beständig über der Millionenmetropole am Nil. Autofahrer hupen, Muezzine rufen zum Gebet. Kommissar Noredin (Fares Fares) quält sich durch die verstopften Straßen seines Kairoer Viertels, Händler treten an seinen verbeulten Wagen heran, reichen wortlos Geldbündel durch die halb geöffneten Windschutzscheiben.

Noredin ist ein "dirty cop", unnahbar, maulfaul, seit dem Tod seiner Frau verbittert, überfordert vom pflegebedürftigen Vater, der ihm Moralpredigten hält. Den Job hat ihm sein bestens vernetzter Onkel (Yasser Ali Maher) zugeschanzt, sein Vorgesetzter und Kopf des Bestechungssystems. Da wird der Polizist eines Abends in die titelgebende Luxusherberge abkommandiert. In einer Suite liegt die Leiche einer populären Sängerin. Als Selbstmord soll der Fall zu den Akten gelegt werden. Doch Noredin zögert. Er will nicht glauben, dass die Frau sich selbst die Kehle durchgeschnitten hat - zumal er bald feststellt, dass sie eine Affäre mit dem Baulöwen und Parlamentsabgeordneten Hatem Shafiq (Ahmed Salim) hatte...

Lose auf dem nie endgültig geklärten Verbrechen am libanesischen Popstar Suzan Tamim, die 2008 erstochen in ihrem Luxusapartment in Dubai aufgefunden wurde, basiert der Polizeifilm des in Ägypten geborenen Tarik Saleh ("Metropia"). Im Stil ist der Regisseur und Drehbuchautor den Noir-Klassikern der 1940er-Jahre verpflichtet, originell sein Kniff, die Story in seiner Ex-Heimat anzusiedeln. Dies hat ihm die Möglichkeit gegeben, im Subtext von gesellschaftspolitischen Missständen zu erzählen, Präsident Mubaraks moralisch verdorbenes, korruptes System zu zeigen, das die Mächtigen deckte und die Bevölkerung unterdrückte.

Dazu passt, dass die örtlichen Behörden die begonnenen Dreharbeiten kurzfristig untersagten, was die Produktion zwang, nach Casablanca zu übersiedeln. In Nobelvillen und auf Golfplätze, in zwielichtige Nachtclubs und verwinkelte, schmuddelige Altstadtgassen führen Noredin seine Ermittlungen. Er sucht nach einer sudanesischen, illegal beschäftigten Hotelangestellten, die Zeugin der Tat gewesen sein soll. Immer mehr gerät er unter Druck, bekommt die Repressalien des Polizeistaats zu spüren und muss bald selbst um sein Leben fürchten.

Perfekt interpretiert Fares Fares, bekannt durch Jussi-Adler-Olsen-Adaptionen wie "Erlösung", seinen schwierigen Part. Kette rauchend sucht er mit stoischer Miene nach der Wahrheit, mutiert zum Helden wider Willen, bleibt dem Zuschauer ob seines unnahbaren Wesens aber dennoch fremd. Er ist eine tragische Figur, gleichzeitig willfähriger Handlanger und aufrechter Kämpfer. Das passt insgesamt zum etwas uneinheitlichen Stil des sprunghaft montierten, von Pierre Aïm ("Im Juli") ansehnlich fotografierten Thrillers, der alle Versatzstücke des Genres beinhaltet - Action, Blei und Blut, Sex und Sadismus, Wut und Willkür. Man versteht die Intention des ehemaligen Street-Art- und Graffiti-Künstlers Saleh, muss ihn für seinen Stilwillen und seine aufklärerischen Ambitionen bewundern, hätte sich aber im Bezug auf den schwer zu durchschauenden, nicht immer logischen Plot etwas mehr Stringenz gewünscht.