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Mutter sein ist schwer

Archivartikel

„Tully“: Jason Reitman beleuchtet den ganz normalen Familienwahnsinn

Mit „Juno“ schaffte er den Durchbruch: Jason Reitman, Sohn von Hollywood-Urgestein Ivan Reitman („Ghostbusters“). Von einer 16-Jährigen erzählte er da, einem etwas anderen Teenager-Mädchen, das Pfeife raucht und ein Telefon in Form eines Hamburgers besitzt. Als sie ungewollt schwanger wird, beschließt sie, das Baby auf die Welt zu bringen und sorgt so für Aufregung. Eine kluge, turbulente Komödie über ein ernstes Thema, nach einem Originalskript von Diabolo Cody, die dafür einen Oscar gewann.

Die mittlerweile weltberühmte und erfolgreiche Autorin des Enthüllungsromans „Nackt“, geboren 1978 in Chicago, hat in jungen Jahren ihr Geld als Striptease-Tänzerin und mit Telefonsex verdient. Das will nicht viel heißen, sicher ist jedoch, dass sie nicht zuletzt dadurch etwas von zwischenmenschlichen Beziehungen versteht. Unbekümmert, direkt, mit gutem Gespür für ihre Figuren nähert sie sich mit feministischen Blick ihren Themen. Nun auch bei „Tully“. Wieder geht es um eine Frau, die ein Kind bekommt, ihr drittes. Kurz vor der Niederkunft steht Marlo (Charlize Theron), im Vorstadteigenheim herrscht Chaos, die Kinder quengeln, Ehemann Drew (Ron Livingston) ist beruflich viel unterwegs.

Da beschließt ihr reicher Bruder Craig (Mark Duplass), ihr ein Geschenk zu machen. Er organisiert eine Nacht-Nanny, die sich um den Nachwuchs kümmern soll, damit deren Erzeuger ihren dringend benötigten Schlaf bekommen. Doch die überforderte Mama ist skeptisch: „Ich möchte doch keine Fremde in meinem Haus. Das klingt wie ein schlechter Film, wo die Nanny versucht, die Familie zu töten und nur die Mutter überlebt und schwer verletzt aus dem Haus kriecht.“ Doch als sie das aufgeweckte, empathische Kindermädchen Tully (Mackenzie Davis) kennenlernt, findet sie in ihr eine Seelenverwandte.

Eine alltägliche Geschichte: Schmerzende, vom Stillen wunde Brüste, geschwollene Beine, ein autistischer Sohn, der schwer zu bändigen ist, ein überforderter Gatte, der mit Kopfhörern im Bett liegt und sich die Zeit mit Videospielen vertreibt... Beischlaf? Das war einmal. Und dann ist plötzlich diese „Fee“ da, die Dinge ins Lot bringt und die (emotionalen) Wogen glättet. Märchenhaft fast, elegant erklärt mit einer cleveren Volte, die der Story im letzten Drittel einen überraschenden Drall gibt. Die Ordnung kehrt zurück, Kuchen werden gebacken, im Ehebett quietschen die Federn – sogar ein bisschen frivol geht es dabei zu, bekommt der Herr des Hauses doch einen alten Sexwunsch erfüllt.

Groß spielt Theron einmal mehr auf. Ob als „Monster“, Actionheldin („Atomic Blonde“), Schurkin („Fast & Furious 8“) oder zerbrechliches Opfer („Dark Places“), stets geht sie in ihren Parts voll auf. Mut zur Hässlichkeit, nein, besser zur Normalität, beweist sie hier als Durchschnittsfrau, die sie bei ihrem Regisseur schon in „Young Adult“ so überzeugend gegeben hat. Strahlen darf dafür die wunderbare Mackenzie („Halt and Catch Fire“), während die Männer – und das ist keineswegs abwertend gemeint – primär als Stichwortgeber dienen. Von den Schwierigkeiten des Mutterseins wird berichtet, unaufgeregt, glaubwürdig und mit viel Herzenswärme, was sich entsprechend in der funktionalen Kameraarbeit von Eric Steelberg und dem unaufdringlichen Soundtrack von Rob Simonsen niederschlägt.