Kino

Nostalgischer Kleinstadt-Blues

„Auerhaus“: Neele Leana Vollmar hat den Bestseller von Bov Bjerg atmosphärisch dicht verfilmt

Ein WG-Film aus dem deutschen Hinterland, das hier knapp und trefflich beschrieben wird: „Das ist das Kaff, in dem wir alle geboren und getauft sind. Am falschen Ort geboren, zur falschen Zeit geboren. Wir sind alle beschädigte Ware. . .“ Zurück in die tiefe schwäbische Provinz geht es. Eine prototypische, durchschnittliche Kleinstadt der Achtzigerjahre.

Eine triste Fußgängerzone. Ein paar Geschäfte. Eine Pizzeria. Ein Gymnasium. . . Winter. Ein Traktor schiebt sich knatternd durchs Bild. Kein Ort für Jugendliche, eigentlich.

„Auerhaus“, der Roman von Bov Bjerg, entpuppte sich 2015 als Bestseller. Neele Leana Vollmar, die ein gutes Gespür für Literaturverfilmungen – siehe „Maria, ihm schmeckt’s nicht“ oder „Rico, Oscar und die Tieferschatten“ – besitzt, hat ihn nahe an der Vorlage fürs Kino aufbereitet. Zusammen mit Lars Hubrich das Drehbuch geschrieben, viele Dialoge wörtlich übernommen. Ton und Tonalität trifft sie genau, bestens wird sie von ihrem überzeugenden, gut zusammengestellten Ensemble unterstützt.

Aufenthalt in Psychiatrie

Vier Freunde stehen im Zentrum: Höppner (Damian Hardung), der Erzähler, seine Freundin Vera (Luna Wedler), die nervige, Geige spielende Cäcilia (Devrim Lingnau) und Höppners Kumpel Frieder (Max von der Groeben), der sich – wie schon früh aus dem Off zu erfahren – später umbringen wird.

Einen Selbstmordversuch hat er bereits hinter sich, nach einem Aufenthalt in der Nervenklinik will er nicht mehr beim Vater wohnen. Um den Freund zu unterstützen, beschließt das Quartett zusammenzuziehen. Eine Bleibe ist schnell gefunden – nämlich das leerstehende, abgewohnte Haus von Frieders Großvater mit seiner brüchigen Eternitplattenfassade und den fürchterlichen Tapeten.

Unter den argwöhnischen Blicken der „anständigen“ Ortsbewohner werden Wände gestrichen, Möbel und Matratzen herangeschafft. Bald schon sitzt man gemeinsam am Küchentisch und isst selbst zubereitetes, ob des vielen Knoblauchs umstrittenes Tsatsiki. Dann stoßen noch die Pyromanin Pauline (Ada Philine Stappenbeck), ebenfalls Ex- Psychiatriepatientin, und der schwule Elektrikerlehrling Harry (Sven Schelker) zur Gruppe. Eine bunt zusammen gewürfelte Zweckgemeinschaft, die versucht, ihren Alltag selbst zu regeln – fern von Zwängen und der Aufsicht der nervigen Eltern.

Bekannte Sorgen

Wobei man es hier nicht mit den typischen, aus den einschlägigen amerikanischen Produktionen bekannten Teenagern zu tun hat, die sich cool geben und die Herausforderungen des Daseins lässig meistern. Schule, Abitur, Wehrdienst, Liebe und Depression sind Thema, die Clique ist ganz durchschnittlich, bekannt sind ihre Sorgen und Ängste.

Man unternimmt gemeinsame Radausflüge, geht zusammen Tanzen, man schlendert die Bahngleise entlang, spielt Federball, kifft und gerät sich auch regelmäßig in die Haare. Beispielsweise weil die besserwisserische Cäcilia immer wieder dasselbe Stück übt und ja auch die Sache mit dem Abwasch irgendwie geregelt werden muss.

Träume auf dem See

Ein gut beobachtetes Drama über die schwierige Zeit an der Schwelle zum Erwachsenwerden ist dieser Film. Ein wenig Rebellion gibt es, etwa wenn Frieder im Supermarkt Lebensmittel stiehlt und den Weihnachtsbaum am Marktplatz fällt – oder Südseeträume am Baggersee, wenn man mit geschlossenen Augen auf der Luftmatratze sanft auf den Wellen schaukelt.

Ein nostalgische, einfühlsame Reminiszenz, bei der sich Leid und Freud die Waage halten, die Erziehungsberechtigten – unter ihnen Milan Peschel und Anja Schneider – nur Nebenrollen spielen und einen die einschlägigen Popsongs der Zeit, das akkurate Produktionsdesign von Michael Binzer sowie die stimmig triste Kameraarbeit von Frank Lamm in die richtige Stimmung versetzen.

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