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Rächer der Enterbten

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„Der unverhoffte Charme des Geldes“: Philosoph verteidigt Millionenbeute gegen Mafia und Polizei

Geld regiert die Welt – eine Binsenweisheit. Dieser ist sich Pierre-Paul Daoust (Alexandre Landry), Doktor der Philosophie, wohl bewusst. Doch als eingefleischter Kapitalismusgegner verweigert er sich gesellschaftlichen Zwängen. Er fühlt sich zu Höherem berufen, was er in der ersten Szene von „Der unverhoffte Charme des Gelds“ mit seiner Freundin erörtert. Streng rational, am Tisch eines Imbisses. Sie kann es nicht fassen, dass er als Ausfahrer für einen Kurierdienst arbeitet, sich nicht nach einem besser bezahlten Job umsieht. Er bleibt stur. Wer würde schon jemanden wie ihn anstellen? Damit ist sie mit ihrer Geduld am Ende. Sie beendet die Beziehung.

Taschen voller Geld

Was der sanftmütige Pierre-Paul, der Obdachlose zu seinen Freunden zählt und diese finanziell unterstützt, durchaus versteht. Wer möchte jemanden wie ihn zum Mann haben? Also zurück zum Lieferwagen, weiter mit der Tour. Da wird er bei einem Kunden Zeuge eines Überfalls. Es kommt zu einer Schießerei. Zwei Männer sterben, einem gelingt verletzt die Flucht. Die Beute bleibt am Boden liegen. Ohne lange zu überlegen, greift der Akademiker zu, nimmt die beiden mit Geld prall gefüllten Sporttaschen an sich. Aber was nun?

Nach Hause fährt er zunächst. Ordert nach sorgfältiger Computer-Recherche die teuerste Escort-Lady von Montreal. Aspasie (Maripier Morin) nennt sie sich, nach der griechischen Philosophin Aspasia, der zweiten Frau des Perikles. Sie ist ebenso schön wie klug. Mit allen Wassern gewaschen. Hals über Kopf verliebt sich Pierre-Paul in sie, weiht sie über seinen Coup ein. Sie weiß: Das Geld muss „gewaschen“ werden. So kommt Maître Taschereau (Pierre Curzi), einst Stammkunde und Banker ihres Vertrauens, ins Spiel. Und schließlich noch Ex-Häftling Sylvain „Das Gehirn“ Bigras (Rémy Girard), der im Knast Betriebswirtschaft studiert hat und rät, das Vermögen zunächst zu vergraben.

Ein Sozialmärchen. Ein leiser Liebesfilm. Ein Neo-Noir. Eine Satire. Ein verwegener, gelungener Genre-Mix, inszeniert vom kanadischen Oscar-Preisträger Denys Arcand, der den modernen Turbokapitalismus humorvoll aufs Korn nimmt und damit nach „Der Untergang des amerikanischen Imperiums (1986) und „Die Invasion der Barbaren“ (2003) seine lose Trilogie über die Untiefen unserer modernen Gesellschaft abschließt.

Ruhiges Tempo

Bald heftet sich die bestohlene Mafia auf die Fersen des Quartetts – gut harmonieren die hierzulande wenig bekannten Darsteller –, der angeschossene Räuber will seine Dollars zurück und die Polizei in Person zweier ausgeschlafener Beamter schaltet sich ein. Jeder weiß, dass Pierre-Paul & Co. in Besitz des Geldes sind. Doch wo haben die Herrschaften es versteckt? Intelligent ist das vom Regisseur verantwortete Drehbuch, schöne Haken schlägt es, wunderbar der Kniff, der den guten Ganoven final die Freiheit garantiert.

Versiert spielt der Filmemacher mit altbekannten Versatzstücken der Gattung. Ruhig, fast beschaulich ist das Tempo, zurückgenommen ist die Action, funktional die Bildsprache von Kameramann Van Royko. Besonders schön gehandhabt ist die aufkeimende Beziehung zwischen Pierre-Paul und Aspasie, die in Wirklichkeit Camille heißt und das Herz am rechten Fleck trägt. Ein augenzwinkerndes Gaunerstück, das Spaß macht und am Ende auf berührende Weise zeigt, welche Werte wirklich zählen.

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