Kino

Stürmische Höhen, stürmische Zeiten

Archivartikel

„Der Buchladen der Florence Green“: Isabel Coixet verfilmt einen Bestseller über Selbstfindung und Emanzipation

Für schwermütig-komplexe (Liebes-)Dramen wie „Mein Leben ohne mich“ ist die Katalanin Isabel Coixet bekannt, in der „Frauenfilm“-Schublade landet sie gerne. Gegenbeweis: „Elegy oder die Kunst zu lieben“, ihre Adaption von Philip Roths „Das sterbende Tier“. Perfekt hat sie es verstanden, die Gedankenwelt des bekennenden Machos filmisch umzusetzen. Nun noch einmal Literatur, diesmal die Verfilmung von Penelope Fitzgeralds Bestseller „Der Buchladen der Florence Green“ von 1978, vom Verleih als Hommage an die Bibliophilie beworben.

Das mag zutreffen, aber sicherlich nicht nur, auch wenn die Rede immer wieder auf Ray Bradburys Science-Fiction-Klassiker „Fahrenheit 451“ kommt und Vladimir Nabokovs „Lolita“ eine zentrale Rolle spielt.

Den 1955 erschienenen „Skandalroman“ stellt die Kriegswitwe Green (Emily Mortimer) im Schaufenster der von ihr eröffneten kleinen Buchhandlung im verschlafenen englischen Küstenstädtchen Hardborough auf. Dabei stößt sie auf Widerstand der lokalen Oberschicht. Dieser, nicht moralisch motiviert – das Buch findet reißenden Absatz– wird von der wohlhabenden Violet Gamart (Patricia Clarkson) angeführt, die im Ort das Sagen hat. Grund: Das alte Haus, in das die alleinstehende Frau eingezogen ist, hat sie als „Kunstzentrum“ ins Auge gefasst. Ein Wunschprojekt, das sie nicht aufzugeben gedenkt. Da hilft es Florence wenig, dass sie im lesefreudigen Edmund Brundish (Bill Nighy) einen Verbündeten findet, der sich in der Gemeinde für sie einsetzt.

David gegen Goliath, eine Geschichte über (weibliche) Selbstbestimmung, Selbstfindung und Emanzipation, angesiedelt vor pittoresker „Stürmische Höhen“-Kulisse. Ziehende Wolken, sattgrüne Wiesen und Wälder, Fischerboote, die im Hafen dümpeln, rothaarige Kinder, die fröhlich lachend zur Schule hopsen, neugierige Nachbarinnen, die hinter vorgehaltener Hand tuscheln...

Doch die Idylle trügt. Unter der Oberfläche brodelt es, gehässige Gerüchte kursieren, Intrigen werden gesponnen. Aus dem Off wird die Story im Rückblick aufgerollt. Zu verraten, wer sie erzählt, würde die finale Volte vorwegnehmen. Nur so viel: Hart an der Kitschgrenze ist diese Auflösung, aber das ist wohl der Vorlage geschuldet.

Gewohnt präzise zeichnet die Filmemacherin nach eigenem Skript die Charaktere. Mortimer, Clarkson und Nighy sind ideal besetzt, füllen ihre Parts nuanciert mit Leben, „very british“, treffend, spitz sind die Dialoge. Eine wichtige Rolle fällt der kleinen Honor Kneafsey als Lockenkopf Christine zu, die – um für ihre Familie ein paar Shilling dazuzuverdienen – in „The Bookshop“, so der Originaltitel, aushilft und versucht, sich in die Erwachsenenwelt hineinzufinden.

Viel Sorgfalt und Liebe hat man auf die Retro-Ausstattung und Kostüme gelegt, nostalgisch gefärbt sind Licht und Bilder (Kamera: Jean-Claude Larrieu), kammermusikalisch hält Alfonso de Vilallonga den Soundtrack. Kluge Unterhaltung ist das – und im Subtext durchaus auch als Kampfansage gegen den Onlinebuchhandel von Amazon und Co. zu lesen.