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Tanz auf dem Vulkan

Archivartikel

„7 Tage in Entebbe“: José Padilhas Film über die Entführung des Air-France-Flugs 139 im Jahr 1976

Den Film gab’s schon. Mehrfach. Einmal, in der wohl berühmtesten Variante, hieß er „Raid on Entebbe“, auf Deutsch „... die keine Gnade kennen“, 1976 inszeniert von Irvin Kershner, der mit „Das Imperium schlägt zurück“, das bis dato immer noch beste „Star Wars“-Abenteuer verantwortet hat. In den 70ern setzte man in Hollywood bevorzugt auf Katastrophenfilme und wucherte mit (Alt-)Stars, um dem Fernsehen Paroli zu bieten. Helden, die ihr Ding durchziehen, waren – wie inzwischen wieder – gefragt, solche wie Charles Bronson, der Leinwandphänotyp des Mannes, der Rot sieht. Als Chef eines israelischen Spezialkommandos machte er Jagd auf den Terroristen Wilfried Böse, gespielt von Horst Buchholz.

Brühl folgt Buchholz

Letzteren Part hat nun Daniel Brühl übernommen, der international bestens Fuß fasst, siehe „The First Avenger: Civil War“ oder seine aktuelle Hauptrolle des (Kriminal-)Psychologe in der Netflix-Serie „Die Einkreisung“. Zusammen mit Brigitte Kuhlmann (Rosamunde Pike) – beide Gründungsmitglieder der bundesdeutschen Revolutionären Zellen – und zwei Angehörigen der PFLP (Volksfront zur Befreiung Palästinas) kidnappt er am 27. Juni 1976 bei einer Zwischenlandung in Athen ein Flugzeug der Air France, unterwegs von Tel Aviv nach Paris, und leitet es in die ehemalige Hauptstadt Ugandas um. Die Forderung: Die Freilassung von 53 weltweit inhaftierten Kombattanten und Sympathisanten der Roten Armee Fraktion (RAF).

Der Auftakt zu „7 Tage in Entebbe“, der die historischen Ereignisse auf Basis neuer Recherchen – Drehbuch: Gregory Burke („’71: Hinter feindlichen Linien“) – minutiös nachzeichnet, in einer Version, die sich besonders für den unterschiedlichen Umgang mit den Geiseln verschiedener Konfessionen interessiert. 102 waren es letztendlich insgesamt, die im heruntergekommenen Flughafengebäude festgehalten wurden.

„Thunderbolt“, Blitzschlag, lautete der Codename der Befreiungsaktion, die nur 90 Minuten dauerte, am Ende den Entführern und 45 ugandischen Soldaten, aber „nur“ drei Geiseln und einem Mossad-Offizier das Leben kostete. „Wir kämpfen, damit ihr tanzen könnt“, sagt ein Mitglied der Anti-Terror-Einheit, ehe er mit seinen Kameraden die Transportmaschine Richtung Afrika besteigt. Das ist der besondere Kniff von José Padilha, der für „Tropa de Elite“, seinen Action-Film über eine Gruppe korrupter brasilianischer Polizisten, 2008 den Goldenen Bären in Berlin gewann. Einen Genrefilm hat er nach eigenem Bekunden gemacht.

Tanzen und Töten im Duett

Der Clou dabei: Die Parallelmontage mit einer Premiere der Bathsheba Dance Company in Israel, die zudem als Klammer der Handlung dient. So wird gleichzeitig getanzt und gejubelt, gekämpft und gestorben. Wie bereits in früheren Werken nimmt der Regisseur aus Rio de Janeiro eine reale Begebenheit zum Anlass, um über Angst und Gewalt, Zerstörung und Selbstzerstörung zu reflektieren.

Spannend ist das, unterhaltsam, zugleich klug und differenziert erzählt. Glaubwürdig spielt Brühl den Pseudo-Intellektuellen, der sich in schwarzer Lederjacke markig gibt – („Ich will Bomben in das Bewusstsein der Menschen werfen“), derweil die Genossen ihn spöttisch „Buchhändler“ nennen. Noch gebrochener ist seine von Pike („Gone Girl“) grandios verkörperte Partnerin, die hohle Phrasen drischt und diese sogar glaubt: „Ich fürchte nur ein Leben ohne Sinn.“

Das wird nur vom berühmt-berüchtigten Judenhasser und ugandischen Diktator Idi Amin (Nonso Anozie) getoppt. Kampfanzug trägt er, begrüßt „seine Staatsgäste“ mit „Schalom“ und schlägt um Druck zu machen vor, alle zwölf Stunden zwei Kinder zu erschießen. Unglaublich, aber wahr.