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Unheilvolle Macht der Worte

Archivartikel

„Hot Air“: Welt eines zynischen US-Radiomoderators gerät ins Wanken

Er rückt noch einmal das US-Fähnchen am Revers seines Jackets gerade, dann marschiert Radio-Moderator Lionel Macomb (Steve Coogan) mit seiner Entourage ins Studio ein und nimmt hinter dem Mikrofon Platz. Millionen von Fans warten bereits auf seine Tiraden.

Hier schießt er seine Giftpfeile ab: Von der Trump-Mauer halte er nicht viel, sagt er. Er schlägt stattdessen einen großen Graben mit reichlich Stacheldraht vor. Abgrenzung findet er schließlich gut.

Es wäre einfach, diesen Moderator als populistischen Hardliner und verbalen Brandstifter abzustempeln. Aber ganz so schlicht ist die Wahrheit dann doch nicht. In einer grandiosen Rede über den Untergang des amerikanischen Traums liest er seinen Landsleuten ordentlich die Leviten: „Ihr wählt einen geistesgestörten Betrüger, nur um zu sehen, was passiert“ – ohne allerdings einen Namen zu nennen.

In Frank Coracis sanftem Drama „Hot Air“, das auch durch seine komödiantischen Untertöne und brillanten Dialoge punktet, geht es um die – unheilvolle – Macht der Worte in einer zerrissenen Welt.

Proteste vor dem Studio

Und es geht um Lionel Macomb: Wer ist dieser selbstverliebte Mann? In seiner Radio-Sendung will er den „wütenden, armen und kauernden Massen“ eine Stimme geben, aber in Wirklichkeit ist er ein knallharter Zyniker, der sich in einer als grausam und gleichgültig empfunden Welt einen eisernen Panzer zugelegt hat, um all das Elend zu ertragen.

Dann jedoch gerät seine fest gezirkelte Welt ins Wanken. Regelmäßig finden gegen ihn Proteste vor dem Studio statt. Noch größeres Ungemach droht ihm aber durch seinen ehemaligen Zögling Gareth Whitley (Skylar Astin), der Harmonie statt Hass predigt – aber doch nur alten Wein in neuen Schläuchen verhökert.

Und da ist auch noch Lionels sechzehnjährige Nichte Tess (großartig gespielt von Taylor Russell), die unverhofft in das Leben von Lionel Macomb tritt und es in der Folge ordentlich durcheinanderwirbelt. Der eiserne Panzer des egozentrischen Zynikers bekommt schnell erste Risse.

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