Kino

Vier gegen Chicago

„Widows – Tödliche Witwen“: Regisseur Steve McQueen wechselt erneut das Genre

Frauen zeigen im Kino Flagge. In „Ocean’s Eight“ zogen Sandra Bullock und Cate Blanchett jüngst einen Juwelenraub durch, in „Hidden Figures: Unerkannte Heldinnen“ wurde an jene afroamerikanischen Mathematikerinnen erinnert, die zu Beginn der Raumfahrt einen entscheidenden Beitrag zum Mercury- oder Apollo-Programm der NASA leisteten, und im Blockbuster „Wonder Woman“ bewies Gal Gadot nachhaltig, dass das Superhelden-Genre nicht länger eine maskuline Domäne ist. Von einer Gleichberechtigung in Sachen Leinwandpräsenz ist man zwar noch weit entfernt, aber die alten, patriarchalisch ausgerichteten Strukturen scheinen zu bröckeln, die heiß diskutierten, nachhaltig geforderten Quotenregelungen zu greifen.

Bleibt zu hoffen, dass dieser Trend sich fortsetzt, wie etwa in „Widows – Tödliche Witwen“, inszeniert vom Londoner Oscar-Preisträger Steve McQueen, der seine Karriere als Fotograf und Installationskünstler begann und 1999 mit dem renommierten Turner Preis ausgezeichnet wurde. Mit dem vom IRA-Mitglied Bobby Sands 1981 ausgerufenen Streik setzte er sich in „Hunger“ auseinander, mit der Sexsucht in „Shame“ und der Sklaverei in „12 Years a Slave“. Unterschiedliche, brisante Themen, für die er stets die richtige Erzählform nebst den entsprechenden Bildern fand. So scheint es etwas verwunderlich, dass er sich aktuell einem eher konventionellen Genre, dem Thriller, zugewandt hat.

Doch der Schein trügt, auch seine jüngste Arbeit, zu der er gemeinsam mit der Bestsellerautorin Gillian Flynn („Gone Girl – Das perfekte Opfer“) das Drehbuch verfasst hat, ist vielschichtiger als der reißerische deutsche Titel – im Original heißt das Werk schlicht „Widows“ – vermuten lässt.

Lose basierend auf der gleichnamigen britischen TV-Serie von 1983 stehen vier Frauen im Zentrum, die für die Schuld ihrer Gatten, die bei einem versuchten Millionencoup ums Leben gekommen sind, aufkommen sollen. Die beim Einbruch verbrannten zwei Millionen Dollar müssen sie dem Stadtratskandidaten Jamal Manning (Brian Tyree Henry) zurückzahlen, wollen sie am Leben bleiben.

Soweit der Plot des im heutigen Chicago angesiedelten Heist-Movies. Doch dieser kümmert den Regisseur eigentlich nur peripher, was natürlich nicht heißt, dass es an Action und Spannung mangelt. Wirklich interessant ist der Subtext, der sich mit gesellschaftlichen Zuständen, der Beziehung der Geschlechter und konkurrierenden Ethnien auseinandersetzt. Veronica (Viola Davis), Alice (Elizabeth Debicki), Linda (Michelle Rodriguez) und Belle (Cynthia Erivo) kommen aus unterschiedlichsten Schichten, haben von den Machenschaften ihrer schlechteren Hälften nichts gewusst. Nun müssen sie sich zusammenraufen, ihr Schicksal in die eigenen Hände nehmen. Sie schmieden ein Fünf-Millionen-Dollar-Komplott.

Ein Film über Frauen, die über sich hinauswachsen, der korrupten und Testosteron-gesteuerten Männerwelt mutig die Stirn bieten sowie mühsam – und widerwillig – ihr neues kriminelles Handwerk erlernen. Düster sind Ton und Atmosphäre, Blau und Schwarz die bevorzugten Farben von Kameramann Sean Bobbitt, passend dramatisch ist der Score von Hans Zimmer („Blade Runner 2049“). Eine rundum überzeugende und mit rund 42 Million Dollar Budget vergleichsweise preiswerte Hollywood-Produktion, die bis in die kleinste Rolle hinein – unter anderem mit Liam Neeson, Colin Farrell und Robert Duvall – bestens besetzt ist.