Kino

Der neue Film Wim Wenders zeichnet mit „Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes“ ein Porträt des Oberhaupts der katholischen Kirche

„Viva la Papa!“

Heldenkino in Form eines Dokumentarfilms: Kritisches Hinterfragen war im nicht-fiktionalen Bereich nie Wim Wenders’ Ding. Aus der Fanperspektive hat er sich da den Objekten seiner Begierde genähert – den Mannen der Kölsch-Rockband um Wolfgang Niedecken in „Viel passiert – Der BAP-Film“, dem Wuppertaler Ballettwunder Bausch in „Pina – ein Tanzfilm in 3D“ oder den kubanischen Son-Senioren in „Buena Vista Social Club“. Das muss man bei Ansicht dieser Werke im Hinterkopf behalten.

Das haben wohl auch die Verantwortlichen des Centro Televisio Vaticano, der Filmabteilung des Vatikans, erkannt. Die Herrschaften, die alle Reden und Reisen ihres obersten Dienstherrn in Wort und Bild festhalten, haben nämlich beim deutschen Vorzeigeregisseur nachgefragt, ob er an einem filmischen Porträt ihres Oberhirten – bürgerlich Jorge Mario Bergoglio, 1998 zum Erzbischof von Buenos Aires ernannt, seit 2013 der 266. Bischof von Rom und somit Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche – interessiert sei. Er war. Also übernahm man die Produktionskosten, öffnete ihm die Archive, unbegrenzter Zugriff wurde gewährt – und dazu ein langes Interview, das in vier Sitzungen vor Ort im Vatikan aufgezeichnet wurde.

Als Werbefilm – der Endschnitt lag unbeeinflusst in den Händen des Machers – kann man das Projekt durchaus lesen, wenn man so will auch als Propagandafilm, wenn der Papst etwa immer wieder im Papamobil – die Kamera im Rücken – winkend durch die „Viva la Papa!“ (Es lebe der Papst) rufende Menschenmassen fährt, ob in Südamerika, Afrika oder auf den Philippinen.

Ein Bad in der Menge

Da kommt einem Leni Riefenstahls Ästhetik in den Sinn – siehe „Triumpf des Willens“. Was man wieder vergisst, wenn Franziskus ein Bad in der Menge nimmt. So weit möglich für alle ein offenes Ohr hat, Krankenhäuser und Gefängnisse besucht, Füße wäscht und vor der UN-Vollversammlung oder dem US-Kongress zu Solaridität aufruft und um Nächstenliebe wirbt. Spannend zu sehen, wie die Abgeordneten frenetisch klatschen und ihnen zum Teil die Tränen über die Wangen laufen – nur um anschließend wieder zum Tagesgeschäft überzugehen, um die protektionistische „America first“-Politik von Präsident Trump mit allen Mitteln durchzusetzen.

Auf den Ordensgründer Franz von Assisi (1181-1226) beruft sich der Pontifex Maximus, er ist sein erklärtes Vorbild. Wie er will Papst Franziskus die Kirche von Grund auf erneuern, für mehr Menschlichkeit sorgen und den Reichtum umverteilen. In Person des Schauspielers Ignazio Oliva weckt der Filmemacher den Hl. Franziskus in kurzen Szenen zum Leben. Mit Bildern, gedreht mit einer Handkurbelkamera aus den 1920er-Jahren, ohne Ton, in flackerndem Schwarzweiß. Fast mystisch wirkt die Arbeit in diesen Momenten, hier kommen seine großen Qualitäten zur Geltung – „Augen kann man nicht kaufen“ hat der verstorbene Filmpublizist Peter Buchka seine 1983 erschienene Monografie über Wenders treffend tituliert.

Hoch oben am Himmel – quasi zwischen Gott und uns Sündern – schwebt häufig Lisa Rinzlers („Menace II Society“) Kamera, punktuell meldet sich Wenders, der in Berlin mit seiner Frau, der Fotografin Donata Wenders, einen privaten Bibelkreis betreibt, aus dem Off zu Wort.

Roadmovie zur Religion

Mit sonorer Stimme, bedächtig und ruhig. Er weiß: Die Erde ist ein Jammertal. Naturkatastrophen, Krieg, Flüchtlingsströme, Hunger... Eine Art „Stand der Dinge“, so hieß 1982 einer seiner Filme, bekommt man bezüglich Religion geboten, ein Roadmovie über – nochmals ein Titel – den „Lauf der Zeit“, das einen rund um die Welt führt. Ohne die sonst üblichen Kindheitsfotos und biografischen Eckdaten lernt man den „Santo Padre“ kennen, mittels des von Errol Morris entwickelten „Interrotrons“, vom Regisseur als „umfunktionierter Teleprompter“ erklärt. Der Papst sieht mit Hilfe der Spiegel-Aufnahmetechnik dem Interviewer und somit den Zuschauern direkt in die Augen.

Man fühlt sich dem verschmitzt und gütig lachenden Mann ganz nahe. Ob man ihm folgt, an ihn glaubt – oder überhaupt, so Franziskus, an die Existenz des Überirdischen – bleibt jedem selbst überlassen. Alles eine Frage des Standpunkts – ob nun beim Glauben oder beim Dokumentarfilm.