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Vom Saulus zum Paulus

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„Skin“: Im Thriller-Drama zeichnet Guy Nattiv das Leben des Ex-Neonazis Bryon Widner nach

Ohio 2009. Ein Aufmarsch fanatischer Anhänger der „White Supremacy“-Bewegung. Rechtsradikale Sprüche werden skandiert, rassistische Plakate geschwenkt, Hände zum Hitler-Gruß hochgereckt. Unter ihnen Bryon Widner (Jamie Bell), genannt „Babs“. Wut und Hass trägt er sichtbar auf der Haut, Tattoos „schmücken“ den Körper. Militante Parolen, nationalsozialistische Symbole, verschlüsselte Zahlenbotschaften: So steht 33 beispielsweise für den Ku-Klux-Klan. „K“ ist der elfte Buchstabe im Alphabet. Drei mal elf ergibt 33.

Ein Thriller-Drama nach wahren Begebenheiten. Der israelische Filmemacher Guy Nattiv erzählt in „Skin“, seinem US-Spielfilmdebüt – basierend auf seinem gleichnamigen, 2019 mit einem Oscar prämierten Kurzfilm – ungeschönt die Geschichte des Szeneaussteigers Widner. 2012 stieß er in einer Zeitung auf den Stoff. Fotos des „verrückten, faszinierenden Ex-Neonazis“ waren da abgebildet. Vorher. Nachher. Die Tattoos hatte er sich in einem schmerzhaften Prozess – 612 Sitzungen waren nötig – entfernen lassen, sich so äußerlich und innerlich, physisch und emotional, von der Vergangenheit gelöst.

Permanente Bedrohung

Aus Liebe zu einer Frau. Auf einem „Nordic Fest“ lernt er die dreifache Mutter Julie (Danielle Macdonald) kennen, deren Kinder im musikalischen Rahmenprogramm auftreten. Die beiden kommen ins Gespräch, „Babs“ ist gleich von der alleinerziehenden Frau angetan. Stark ist sie und selbstbewusst – ihren gewalttätigen Ehemann hat sie vor Kurzem erst verlassen.

Man telefoniert, trifft sich, kommt sich näher. Der junge Mann beginnt – von alten Mitstreitern angefeindet und terrorisiert – seine Wertewelt zu hinterfragen. Er kommt in Kontakt mit dem schwarzen Menschenrechtsaktivisten Daryle Jenkins (Mike Colter), den er von Aufmärschen her kennt. Potentiellen Aussteigern bietet der Gründer des „One People’s Project“ seine Hilfe an. Er erkennt, dass „Babs“ eine Seele besitzt, hilft ihm, zurück ins Leben zu finden.

Eine fast kitschige Lovestory, wäre da nicht das Gefühl permanenter Bedrohung. Authentisch und packend zeichnet der Regisseur die Ereignisse nach. Widner gerät zwischen die Fronten. Selbst bei seiner Ziehfamilie fällt er in Ungnade. Mutter Shareen (Vera Farmiga) und Vater Fred „Hammer“ Krager (Bill Camp), gnadenloser Anführer und selbstherrlicher Drahtzieher einer radikalen Splittergruppe namens „Vinlander’s Social Club“, distanzieren sich vom Sohn. Wollen ihn zwingen, einer der ihren zu bleiben. Mit drastischen Mitteln. Gewalt, Schläge, selbst „Babs“ geliebter Hund wird brutal getötet.

Düstere Bilder, rauer Ton

Einen guten, wohl stimmigen Einblick in die rechte Terrorszene, ihre Ideologie und Funktionsweise, bietet die ambitionierte Produktion, die streckenweise dokumentarisch anmutet. Aussteiger sind Verräter, die bestraft werden müssen. Düster sind die Bilder, rau ist der Ton. Bell, berühmt seit seiner Titelrolle in „Billy Elliot – I Will Dance“, nimmt man die Wandlung vom Saulus zum Paulus ab. Sympathieträgerin ist Macdonald („Patti Cake$ – Queen of Rap“), die vorführt, dass selbst schwierigste Situationen zu meistern sind. Für etwas Starpower sorgen die Charakterdarsteller Camp („Vice – Der zweite Mann), Farmiga („Up in the Air“) und in einem Kurzauftritt Mary Stuart Masterson („Die Frauen von Stepford“) als FBI-Agentin, die Widner einen Deal anbietet: Sollte er gewillt sein, gegen den Klan auszusagen und Insiderinformationen preiszugeben, würde die Anklage gegen ihn fallengelassen.

Ein fordernder, schwer erträglicher Film – nicht überraschend von einem Enkel von vier Holocaust-Überlebenden inszeniert –, der die (manipulativen) Möglichkeiten des Mediums geschickt nutzt und eine Lanze für Zivilcourage und persönliches Engagement bricht. In Zeiten von Xenophobie und faschistoider Parteien wie der AfD wichtiger denn je.

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