Kino

Von Höhen und Tiefen

„Maria by Callas“: Bewegender Dokumentarfilm über die unvergessene Sängerin

Am Anfang steht das blassgraue Fernsehbild einer alterslos wirkenden schönen Frau. Ihre Haare trägt sie zum langen Zopf gebunden. Ihre Stimme ist warm, dunkel. Zu sehen ist Maria Callas, Ausnahmesängerin, „Primadonna Assoluta“, im Alter von etwa 47 Jahren.

Fast am Ende ihrer Karriere gab die legendäre Opernsängerin 1970 dem britischen Star-Journalisten David Frost ein TV-Interview. In dem nie veröffentlichten Gespräch gibt Callas, die 1977 im Alter von nur 53 Jahren in Paris starb, einen schonungslosen Blick in ihre zerrissene Seele. „Ich trage zwei Personen in mir“, sagt sie. „Ich möchte Maria sein. Aber da ist auch die Callas, der ich gerecht werden muss. Denn Callas war einst Maria.“ Diese Sätze zu Beginn des französischen Dokumentarfilms „Maria by Callas“ bringen das Drama um die griechisch-amerikanische Sängerin auf den Punkt.

Callas war eine grandiose Sopranistin, sie war die verlassene Geliebte von Frauenheld Aristoteles Onassis, eine Stilikone, Medienstar und -opfer zugleich. Der russischstämmige Regisseur Tom Volf fand für seine berührende, streckenweise recht mosaikhaft wirkende Doku seltenes Archivmaterial. Durch private Filme, Super 8 und VHS, TV- und Radiointerviews sowie Briefe bringt Volf die Operndiva nah. „Die Göttliche“, „la Divina“, lässt er meist allein zu Wort kommen. Den roten Faden bildet das Frost-Interview, von dem der Hausmeister der Callas eine Kopie in einer Schublade hütete.

Ruchloser Ehrgeiz, Kollegenschelte, Absagen von Auftritten, Exzessivität, Ruhmsucht – das alles wurde Callas vorgeworfen. Der Film zeichnet ein anderes Bild. Man erfährt aus Callas’ Mund, dass sie ihr Leben lang unter dem Karrieredruck litt, den schon ihre autoritäre Mutter aufgebaut hatte. „Kinder sollten eine wunderschöne Kindheit haben“, sagt Callas. „Ich hatte das nicht.“

In den 50er Jahren steigt Callas zur unangefochtenen Opernheldin auf, deren Stimme zwei Oktaven umfasst. Strahlend und leichtfüßig tänzelt sie hinter den Kulissen. Bei ihrem umjubelten Pariser Debüt 1958 wird sie umlagert von Fans und Prominenz. Immer sind die Kameras nah an ihrem ausdrucksvollen Gesicht mit den großen vollen Lippen und den dunklen Augen mit dem kühnen schwarzen Lidstrich.

Dabei hätte sie, so bekennt Callas, viel lieber eine Familie gehabt. Über ihre Gesangskarriere sagt sie: „Ich wurde gezwungen, erst von meiner Mutter, dann von meinem Mann.“ Ihre Scheidung von Ehemann Giovanni Battista Meneghini gerät zum Medienspektakel. Als sie wegen einer Bronchitis einen Auftritt in Rom abbricht, bekommt Callas das zu spüren, was man heute als „shitstorm“ bezeichnen würde.

„Man hat begonnen, mich zu lynchen“, sagt sie. Paparazzi folgen ihr auf Schritt und Tritt, die Nahaufnahmen zeigen ein immer traurigeres Gesicht. Mit zunehmendem Alter empfindet sie die Opernbühne als „Raubtierarena“. Der griechische Milliardär Onassis erscheint Callas wie ein Befreier. „Ich glaubte, wenn ich einen Mann treffe, den ich wirklich liebe, dann muss ich nicht mehr singen.“ Sie wolle ihre Seele nicht mehr Grausamkeiten aussetzen, „von denen ich mich nicht erhole“.

Doch insgeheim träumt sie davon, dass ihre Stimme wieder die frühere Kraft und Höhe erreicht. Ihr Selbstvertrauen schwindet, die Erschöpfung ist „unendlich“. Dann verlässt Onassis sie und heiratet Jackie Kennedy. Von diesem Schlag erholt sich Maria Callas nicht mehr.