Kino

Wer zahlt, der schafft auch an

„Alles Geld der Welt“: Ridley Scott rollt den berühmten Getty-Entführungsfall aus dem Jahre 1973 wieder auf

Es war einer der aufsehenerregendsten Fälle der Kriminalhistorie – nicht zuletzt wegen des Ohres, das die Kidnapper ihrem Opfer abschnitten: 1973 wurde der 16-jährige John Paul Getty III., Enkel des milliardenschweren Öl-Magnaten J. Paul Getty, in Rom entführt. Doch der damals reichste Mann der Welt weigerte sich, die 17 Millionen Dollar Lösegeld zu zahlen. Er fürchtete Nachahmer, vermutete ein Komplott.

Schon lange hatte Ridley Scott diesen Stoff verfilmen wollen. Als die Finanzierung endlich stand, hat er andere Projekte kurzerhand verschoben. Doch kaum war die Postproduktion beendet – rechtzeitig fürs Oscar-Rennen –, wurden gegen Kevin Spacey, der den Part des Getty sen. übernommen hatte, Vergewaltigungsvorwürfe laut. Der Regisseur reagierte. Er beschloss, den „House of Cards“-Star aus dem Thriller herauszuschneiden und ihn durch Christopher Plummer zu ersetzen.

Der Nachdreh klappte, selbst der Termin bezüglich der Frist für die Academy Awards konnte gehalten werden. Aber dann platzte schon die nächste Bombe. Die „New York Times“ berichtete, dass Michelle Williams, die Pauls (Charly Plummer) verzweifelte Mutter Gail spielt, für die zusätzlich angefallenen Arbeitstage mit rund tausend Dollar abgespeist wurde. Mark Wahlberg hingegen, der ihr als Ex-CIA-Mann Fletcher Chase beim Kampf um die Freilassung ihres Sohnes zur Seite steht, bekam dank des Verhandlungsgeschickes seiner Agentur 1,5 Millionen Dollar überwiesen.

Und das obwohl die beiden vom selben Management vertreten werden! Es flammte die Debatte um Gleichberechtigung in Hollywood wieder auf. Da half es wenig, dass Wahlberg verlauten ließ, dass er seine Zusatzgage gespendet hatte. Scotts Kriminaldrama, treffend und vielseitig deutbar „Alles Geld der Welt“ betitelt, steht einfach unter einem schlechten Stern. Was es nicht verdient hat – zeigt sich der inzwischen 80-Jährige Kopf hinter Kinomeilensteinen wie „Alien“, „Blade Runner“ oder „Thelma & Louise“ doch einmal mehr auf der Höhe seiner Kunst.

Elegant führt er seine Figuren ein, schildert deren Lebensumfeld und vergisst auch nicht die für Prestigeproduktionen wichtigen sogenannten „money shots“, kostspielige, aufwendige Einstellungen, die die Qualität des Produkts unterstreichen sollen. In diesem Fall sieht man Plummer etwa in einer kurzen Rückblende in der saudi-arabischen Wüste mit Scheichs um Bohrrechte verhandeln – David Leans „Lawrence von Arabien“ kommt einem in den Sinn. Aber ein Opus, ein spektakuläres Schaustück will dieser Film gar nicht sein. Es geht eher um seelenloses (US-)Unternehmertum, (komplizierte) Familienverhältnisse und darum, was Geld aus Menschen macht. Aufrecht ist eigentlich nur Gail, die um ihren Sohn bangt. Dessen Vater flüchtet sich mit den Rolling Stones in Marokko in den Drogenrausch, der blass bleibende Sicherheitsberater Fletcher, wohl eine fiktive Figur, dient all jenen, die ihn nur gut genug bezahlen, und der Chef der Entführer (Romain Duris) ist besorgt, weil Gettys Lieblingsenkel nicht genug isst – scheut sich aber nicht, als die geforderte Summe nicht aufgebracht wird, ihn an die ‘Ndrangheta, die kalabrische Mafia, weiterzuverkaufen.

Frei und packend hat Sir Ridley die wahre Geschichte nach dem Drehbuch von David Scarpa, das auf John Pearsons Sachbuch „Painfully Rich“ (1995) basiert, umgesetzt, punktuell gewohnt souverän Actioneinlagen eingebaut. Eine Klasse für sich ist einmal mehr Dariusz Wolskis („Alien: Covenant“) Kameraarbeit, die spannendste Figur der von Plummer grandios gespielte Machtmensch und notorische Geizkragen. Zu Recht ist er als bester Nebendarsteller für einen Oscar nominiert – mal sehen, ob’s für das Werk und seinen geplagten Macher doch noch ein Happy End gibt.