Kino

Der neue Film Martin Buskers Kinoerstling „Zoros Solo“ verhandelt viele schwere Themen mit leichter Hand / Konflikte des Erwachsenwerdens und Rassismus spielen hinein

Widerspenstiger Flüchtling drängt in Knabenchor

Archivartikel

Schwer erziehbare Jungs, Chor... gleich hat man „La nuit“ im Ohr. Aus „Die Kinder des Monsieur Mathieu“. 2004 war das, ein nostalgisches Musikdrama um einen Hilfslehrer, der renitente Heranwachsende zu einer engelsgleichen Sangesgemeinschaft formt. Ein Hit, rund neun Millionen Zuschauer im Herstellungsland Frankreich, eine Million hierzulande. Ein Film über die einende Kraft der Musik. So kann man die deutsche Variante „Zoros Solo“ sehen.

Auch, aber nicht nur. Denn Regiedebütant Martin Busker, der zusammen mit Fabian Hebestreit das Drehbuch geschrieben hat, wählt einen breiteren Ansatz, erzählt eine emotionale, humorvolle Geschichte über die Suche nach Heimat und Zugehörigkeit, über die Bedeutung von Familie und Freundschaft, die Grenzen überschreitet – mit einem 13-jährigen Titelhelden (Mert Dincer), der mit seiner Familie aus Afghanistan geflohen ist.

Schauplatz: Liebigheim

Mit der Mutter und seinen beiden Schwestern lebt er in einer Asylunterkunft im verschlafenen schwäbischen Liebigheim. Der Vater ist in Ungarn geblieben, hat sich in Orbans Grenzzaun – das erfährt man in mehreren Rückblenden – verfangen. Darunter leidet der aufgeweckte Bub. Aufmüpfig ist er, streit- und rauflustig, Anführer einer kleinen (Verlierer-)Bande.

Da erfährt er, dass der örtliche Knabenchor – zu hören sind die Stuttgarter Hymnus Chorknaben – unter Leitung der unnahbaren Frau Lehmann (Andrea Sawatzki) zu einem Gesangswettbewerb nach Ungarn fährt. Zoro erkennt die Chance, den Vater nach Deutschland zu schmuggeln. Doch dazu muss er, um in die Gemeinschaft aufgenommen zu werden, erst Singen lernen und die gestrenge Pädagogin von seinem Talent überzeugen …

Hemdsärmelig ist der Ton. „Bitch“ nennt Zoro die vermeintlich steife Jungfer. Die gibt ihm trocken kontra – „Mein Name ist nicht Bitch, du verwechselst mich mit deiner Mutter …“ - und setzt als Notwehrmaßnahme gerne Pfefferspray ein. Ein „Lümmel- und Paukerfilm“, jedoch mit Hintersinn. Im Gotteshaus gewährt der Pfarrer einer Familie aus Nigeria Asyl, zum Ärger der Musiklehrerin, die dort üblicherweise ihre Proben abhält. Davor protestiert ein Trupp „besorgter“ Frauen. „Moschee ade!“ verkündet ein Transparent. Als die Jugendlichen ein Klavier transportieren, wissen die Damen gleich, dass „Ausländer alles klauen, was nicht niet- und nagelfest ist“.

Eine Beschreibung aktueller heimischer Zustände mit zahlreichen ironischen Brüchen. Wertewelten prallen aufeinander, festgemacht an Katholizismus und Islam. Machogehabe, Spießertum, Engstirnigkeit. Ein Spiel mit Klischees, die immer wieder augenzwinkernd aufgebrochen werden. Zu viele Themen – darunter Homosexualität – werden angerissen, etwas holprig ist die Inszenierung, brav die Bildsprache von Martin L. Ludwig. Sawatzki besticht mit differenziertem Spiel, dem Filmemacher muss man hoch anrechnen, dass er dieses doch brisante Thema mit leichter Hand anpackt.

Info: Filmstarts der Woche morgenweb.de/kultur

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