Kino

Zarte Hommage an das Erwachsenwerden

Archivartikel

„Beach Rats“: Ein zärtliches und sinnliches Coming-of-Age-Drama über einen New-Yorker Jugendlichen

Am Strand abhängen, die Muskeln trainieren, Drogen nehmen: So driftet der 19-jährige Frankie aus dem New Yorker Stadtteil Brooklyn durch den Sommer. Die Tage verbringt er auf Coney Island und gibt sich ähnlich machohaft wie seine Kumpel. Auch unter deren Druck lässt er sich auf eine Affäre mit der hübschen Simone ein, doch nachts chattet er mit älteren Männern auf einer Schwulenplattform im Internet.

Die Baseballkappe tief ins Gesicht gezogen sucht Frankie den Kontakt zu seinen Chatpartnern. „Ich weiß nicht, was mir gefällt“, sagt er im zögerlichen Gespräch mit seinem Gegenüber. Das wird er in diesem Moment nicht zum letzten Mal gesagt haben. Aus Sicht von Eliza Hittman, Regisseurin des Dramas „Beach Rats“, ist das „sehr typisch für einen jungen Mann in seinem Alter, der irgendwie nicht in der Lage ist, eine klare Aussage über seine eigenen Gefühle zu machen.“

„Beach Rats“ – ihren zweiten Spielfilm – will Hittman nicht als Coming-out-Film verstanden wissen, also als reine Geschichte über die homosexuelle Selbstfindung. Tatsächlich ist „Beach Rats“ auch ein zarter Film übers Erwachsenwerden unter schwierigen Bedingungen und über Selbstverleugnung. Arbeitslosigkeit und Jugendkriminalität am äußersten Rand New Yorks spielen dabei ebenso eine Rolle wie der Krebstod von Frankies Vater. „Frankie ist ein unsicherer 19-Jähriger, der nur ganz langsam ein Bewusstsein dafür entwickelt, wer er ist oder wer er sein könnte. Das war für mich der Knackpunkt dieser Figur: dass er es irgendwie schon weiß, aber doch noch nicht wirklich“, sagt Hittman über ihre Hauptfigur. Was in Frankies Kopf tatsächlich vor sich geht, bleibt für die Zuschauer verborgen – auch noch bis zum Abspann.

Frankie chattet irgendwann nicht mehr nur mit den älteren Männern, sondern datet sie auch im echten Leben. Seine Freunde ahnen davon zunächst nichts, bis Frankie ihnen – getrieben vom Versuch, an Drogen zu kommen – eine Geschichte auftischt, die in einer Riesendummheit endet.

Als Zuschauer begleitet man Frankie bei all dem mit großer Faszination. Die Französin Hélène Louvart ist mit ihrer Kamera und mit düster-verträumten Bildern stets dicht dran. Musikalische Untermalung wird in „Beach Rats“ sparsam eingesetzt, so dass die Bilder über weite Strecken für sich sprechen – zumal es auch viele Sequenzen ohne lange Dialoge gibt.

Beim größten US-Filmfest für unabhängige Produktionen, dem Sundance Festival, räumte Eliza Hittman 2017 den Regiepreis ab. Beim Filmfest Hamburg gab es den NDR-Nachwuchspreis. Die Jury meinte: „Beach Rats versteckt sich nicht hinter ästhetischen Spielereien oder erzählerischen Skurrilitäten, sondern bezieht emotional Haltung und ist dabei so zärtlich, sinnlich, direkt, pulsierend und verletzlich, dass wir bewegt das Kino verlassen und uns bewusst wird, was Filmemachen bedeutet: die Liebe zum Zuschauer.“ dpa