Kino

Zwischen Tristesse und Gewalt

Archivartikel

„Ray & Liz“: Britischer Fotograf Billingham erinnert sich an seine Kindheit in einer Sozialsiedlung

Sie: „Gib mal ‘ne Zigarette, Ray. Schon wieder sternhagelvoll? Du verdammtes besoffenes Arschloch! Los, steh auf, wenn du noch kannst! Du wirst dich umbringen, wenn du so weitermachst, das ist dir doch klar. Es ist halb neun Uhr morgens, und du bist schon total besoffen.“ Er: „Du bist schuld daran. Die Sauferei. Hab’ ich früher nicht gemacht.“ Grob und hemdsärmelig ist der Umgang in „Ray & Liz“ – nicht neu im britischen Kino.

Schon Ende der 1950er, Anfang der 1960er Jahre, interessierten sich die Filmemacher des „Free Cinema“ für die Verhältnisse der Arbeiterklasse. Tony Richardson („Bitterer Honig“), Lindsay Anderson („Lockender Lorbeer“) und Karel Reisz („Samstagnacht bis Sonntagmorgen“) wandten sich vom realitätsfernen Nachkriegsfilm ab, setzten, unterstützt von den aufstrebenden Autoren jener Tage, den „zornigen jungen Männern“ um Harold Pinter, John Osborne und Alan Sillitoe in ungeschönten Bildern auf „Spülstein-Realismus“.

Dann, in den 1980ern und 1990ern, war es wieder so weit. Der Oberbegriff hieß nun „New British Cinema“. Da standen die gesellschaftlichen Veränderungen, die die Ära der „Eisernen Lady“ Margaret Thatcher mit sich gebracht hatten, im Zentrum. In Form von Komödien, Historienfilmen und Dramen, inszeniert von Filmschaffenden mit ausgeprägtem sozialen Gewissen, darunter Stephen Frears („Mein wunderbarer Waschsalon“), Mike Leigh („Hohe Erwartungen“) oder Ken Loach („Riff-Raff“). Ganz ähnlich sind nun Ton und Tonalität beim Leinwand-Erstling des renommierten Fotografen Richard Billingham, Jahrgang 1970.

An seine Jugend erinnert er sich, auf 16mm-Material gedreht, im alten, altmodisch anmutenden, hier jedoch trefflichen 4:3-Fernsehformat. Die (Anti-)Helden sind seine Eltern – beide inzwischen verstorben – , glaubwürdig verkörpert von Justin Salinger („Hanna“) und der wuchtigen Ella Smith („Babylon“). In einem desolaten Vorort von Birmingham schlägt sich die Familie eher schlecht als recht durch den Alltag. Die gewalttätige Mutter hat das Sagen, der Ehemann kuscht, für ihre Kinder interessieren sich beide kaum. Der jüngere Bruder Jason kommt in einer Pflegefamilie unter, der ältere fragt den Sozialarbeiter, ob es vielleicht auch für ihn eine geeignete Stelle gäbe. Lapidar die Antwort: Da er ohnehin schon bald erwachsen sei, müsse er nur noch etwas ausharren, dann könne er ja hingehen, wo er wolle.

Drei Episoden aus einer tragischen, mitunter schockierenden, stets verstörenden Kindheit in einer Sozialsiedlung im Black Country, lange Jahre Zentrum der englischen Kohle- und Stahlindustrie. Mit dokumentarischem Blick, der auch sein fotografisches Werk prägt, erzählt der Regisseur. Weder voyeuristisch noch spekulativ nähert er sich seinen Figuren. Er bildet ab, zeichnet nach, beobachtet nüchtern. An die Fotos von Jacob Riis, der in „Wie die andere Hälfte lebt“ 1890 die ärmlichen Lebensbedingungen in den Slums von New York City festhielt, erinnern die braunstichigen, gern verregneten Aufnahmen des Musik-Videospezialisten Daniel Landin, der unter anderem Clips für Björk und Robbie Williams gestaltet hat.

Es wird gekeift, gesoffen, geraucht und gepöbelt. Der Kanarienvogel flattert aufgeregt piepsend im Käfig umher, der Hund pinkelt auf den Teppich. Perspektivlosigkeit und Tristesse allenthalben, man hat sich mit seinem Schicksal abgefunden, genauso wie mit den ewigen Stromausfällen. Stillstand ist angesagt, tiefer kann man kaum fallen, aus- und aufsteigen nur unter größten Mühen. Wie Billingham selbst, der 2001 für den renommierten Turner Kunstpreis nominiert und für seine schmerzhafte Nabelschau vergangenes Jahr auf dem Festival von Locarno mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet wurde.