Kommentar

Kommentar Marc Stevermüer zur Formel 1 in Deutschland

Abschieds- und Ehrenrunde

Archivartikel

Das Symbol des Größenwahns nach den von Michael Schumacher geprägten Boom-Jahren ragt unübersehbar direkt neben der Rennstrecke in die Höhe. Eine Achterbahn sollte von 2009 an nur eine von vielen Attraktionen eines Freizeitparks direkt neben dem Nürburgring sein und diesen unabhängig von der Formel 1 zu einem Publikumsmagneten machen. Doch dieses Unterfangen ging gründlich schief, weil sich eine ganze Rennstrecke auf Crashkurs begab. Mehr noch: Aus dem angedachten Denk- wurde ein Mahnmal, ein Millionengrab. Verursacht durch ausgeprägten Realitätsverlust.

Dem finanziellen Desaster und den geplatzten Träumen folgte 2013 der Abschied der Formel 1 vom Nürburgring, der zweifelsohne die legendärste deutsche Rennstrecke ist, aber auch wie keine andere für die Folgen des gewaltig schwindenden Interesse an der Formel 1 in Deutschland steht. Daran ändert auch die Rückkehr in diesem Jahr nichts.

Denn es ist ja nicht so, dass die Formel-1-Bosse plötzlich wieder ihr Herz für den Motorsport in Deutschland entdeckten. Vielmehr ist der Grand Prix in der Eifel aus der Not geboren und basiert auf wirtschaftlichem Kalkül. Den Veranstaltern der Rennserie geht es ausschließlich darum, in Corona-Zeiten zumindest noch ein wenig Geld einzustecken. Deutlich mehr gibt es allerdings außerhalb Europas zu verdienen – und genau aus diesem Grund erhielten diese Standorte zuletzt ja auch den Vorzug. Kurzum: Sollte es irgendwann keine Pandemie mehr geben, wird ziemlich sicher auch wieder die Formel 1 aus Deutschland verschwinden. Möglicherweise ist das diesjährige Rennen sogar schon die Abschieds- und Ehrenrunde einer Sportart gewesen, die jahrelang zu den populärsten gehörte, nun aber hierzulande mit sinkender Akzeptanz zu kämpfen hat. Und da reden wir noch nicht einmal von den Themen Klimaschutz und Elektromobilität.

Auf dem Weg in die Nische

Die Zeiten der „Formel Deutschland“ sind schlichtweg vorbei. Einst gab es WM-Titel in Serie durch Schumacher und Sebastian Vettel, zwei deutsche Hersteller mit BMW und Mercedes, neben dem Rennen in der Eifel wurde auch noch eines auf dem Hockenheimring ausgetragen, 2010 standen sogar sieben Deutsche in der Startaufstellung. Geblieben sind: Mercedes und Vettel, der bei Ferrari aber in keinem konkurrenzfähigen Auto sitzt. Möglicherweise wird Mick Schumacher in der nächsten Saison ein Cockpit bekommen. Der Name zieht, keine Frage. Bei Alfa Romeo wird er aber ebenso wenig dauerhaft um Siege fahren wie Vettel bei Aston Martin. Noch dazu verschwindet die Rennserie zu einem Großteil aus dem frei empfangbaren Fernsehen und landet somit auch medial in der Nische.

Jetzt könnte man einwenden, dass es mit Mercedes doch seit Jahren deutsche Siege gibt. Die Relevanz und Popularität einer Sportart außerhalb des Fußballs ist in Deutschland aber – anders als etwa bei den Italienern und Ferrari – seit jeher von erfolgreichen Personen abhängig. Beispiele dafür gibt es viele: Boris Becker und Steffi Graf im Tennis, Boxer Henry Maske, Biathletin Magdalena Neuner. Oder eben Michael Schumacher, der einen Boom auslöste. Manch einer dachte, der Hype ginge ewig weiter. Es war ein fataler Irrglaube. Einfach mal in der Eifel nachfragen.

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