Kommentar

Abschreckend

Archivartikel

Walter Serif über das schwache Personalangebot bei der CDU, das die Attraktivität der Grünen zusätzlich steigert

Seit 13 Jahren ist Angela Merkel Kanzlerin – und noch immer schätzen die Deutschen ihre Arbeit. Merkel hat Deutschland sicher gesteuert – und das in einer Welt, die immer mehr verrückt spielt. Die Kanzlerin will bis 2021 weitermachen, und die Mehrheit der Bevölkerung möchte das auch. Manche Politiker meinen aber, sie solle früher abtreten, weil ihre Koalition abgewirtschaftet habe. Nur: Wer sonst kann Kanzler?

Die CDU/CSU steht da vor mehreren Problemen: Zum ersten Mal seit 2002 ist ungewiss, ob die Unionsparteien bei der nächsten Bundestagswahl den Kanzler stellen können. Umfragen sind keine Wahlen, aber die Grünen machen der Union Platz eins streitig. Die Vorstellung, dass Parteichef Robert Habeck ins Kanzleramt einziehen wird, ist kein Hirngespinst mehr. Die meisten Deutschen wünschen sich im Politbarometer der Mannheimer Forschungsgruppe Wahlen ein Koalitionsbündnis aus CDU/CSU und Grünen. Ob daraus Schwarz-Grün oder Grün-Schwarz wird, ist für die Union eine Frage, die sich vor einem Jahr gar nicht erst gestellt hätte.

Deshalb ist es für die CDU/CSU schlimm genug, dass sie – wenn die große Koalition bis zum Schluss durchhält – 2021 mit einem Kanzlerkandidaten ohne Amtsbonus antreten müsste. Noch schlimmer ist aber, dass es im Unionslager keinen überzeugenden Favoriten gibt. Annegret Kramp-Karrenbauer, Jens Spahn, Friedrich Merz oder Armin Laschet genießen weder bei den Anhängern noch in der Bevölkerung genügend Vertrauen, weil ihnen das Format fehlt. Dass in der Union schon jetzt ständig über das Thema geredet wird, beweist, wie blank die Nerven liegen.

Die Umfragewerte der Grünen rühren deshalb nicht nur aus der eigenen Stärke. Die Partei profitiert auch davon, dass die CDU keine gute Figur abgibt, weil ihre Politiker ständig streiten. Die Grünen dagegen haben ihre Flügelkämpfe beendet. Ihr Führungsduo Habeck und Annalena Baerbock eint die Partei. Diese hat sich als Anti-AfD-Partei positioniert, die ohne Wenn und Aber für Europa und Klimaschutz und gegen Populismus und Rassismus eintritt. Das Personal und die Themen passen.

Während CSU-Ministerpräsident Markus Söder sich plötzlich als Ober-Liberaler gibt und wohlwollend über die Grünen spricht, wollen Teile der CDU einen konservativen Kurs. Das ist ein strategischer Fehler. Die nächste Bundestagswahl wird in der politischen Mitte und nicht an den Rändern entschieden. Wer dennoch jetzt über Koalitionen mit der AfD öffentlich schwadroniert, muss sich nicht wundern, wenn die Grünen noch mehr zulegen.

Sie gelten inzwischen als moderne bürgerliche Partei. 43 Prozent der Deutschen trauen ihr sogar zu, den nächsten Kanzler zu stellen. Und das, obwohl viele Habeck gar nicht kennen. Aber er – oder Baerbock – haben noch Zeit, um ihr Profil zu schärfen. Das von AKK & Co. ist dagegen schon bekannt – und wirkt auf die Wähler eher abschreckend.

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