Kommentar

Absolute Unzeit

Archivartikel

Alexander Jungert zu den Produktionsstopps der Autoindustrie

Zuerst Opel, jetzt Volkswagen, Audi und Daimler. Deutsche Autohersteller fahren in den nächsten Tagen ihre Fabriken herunter. Die wirtschaftlichen Folgen durch das Coronavirus werden immer offensichtlicher. Für die Autoindustrie kommt die Pandemie jedoch zur absoluten Unzeit.

Denn der Pkw-Markt in Deutschland ist schon Anfang des Jahres eingebrochen, wie deutlich niedrigere Zulassungszahlen zeigen. Aus China, dem größten Automarkt der Welt, kommen nur schlechte Nachrichten. Die Dieselaffäre ist für viele Hersteller längst nicht ausgestanden; vor allem Bußgelder und Entschädigungszahlungen verhageln die Bilanz. Dabei sind milliardenschwere Investitionen in Elektromobilität und Digitalisierung notwendig. Die Autohersteller wollen Modelle mit elektrischem Antrieb in den Markt drücken, weil sie ansonsten Klimaschutzvorgaben der Europäischen Union verfehlen. Ausgerechnet jetzt kommt das Coronavirus obendrauf. Der Absatz dürfte weiter einbrechen. Zurzeit kaufen die Menschen eher Toilettenpapier als ein neues Auto. Und davon, dass die Fabriken nicht mehr mit benötigten Teilen beliefert werden können, ganz zu schweigen.

Für die deutsche Autoindustrie und tausende Mitarbeiter ist das ein herber Schlag, zumal an einigen Standorten ohnehin schon Zeitarbeitsverträge nicht verlängert worden sind oder sich Arbeitszeitkonten der Belegschaft im Minus befinden, weil in den Auftragsbüchern große Lücken klaffen.

Dass China das Coronavirus langsam in den Griff bekommen könnte, hilft den Autoherstellern hierzulande zudem kaum weiter. Sie müssen sich auf eine lange Durststrecke vorbereiten – Sparprogramme für einzelne Standorte eingeschlossen. Bei den laufenden Tarifverhandlungen mit der IG Metall muss Bescheidenheit geübt werden. Geld, das aus den Schlüsselmärkten fehlt, kann nicht verteilt werden.