Kommentar

Alarmzeichen

Walter Serif über die multikulturelle Gesellschaft und die Islam-Debatte, mit der die CSU die Muslime in Deutschland ausgrenzt

Polacken, Spaghettifresser, Kümmeltürken, Kameltreiber – wer kennt nicht diese fiesen Schimpfwörter, die plastisch belegen, dass es in Deutschland schon seit Jahrzehnten Vorbehalte gegen Ausländer gibt. Früher waren es die Gastarbeiter, die argwöhnisch betrachtet wurden. Dabei sorgten sie doch mit ihrem Einsatz dafür, dass die deutsche Wirtschaft bis heute an der Weltspitze steht.

Inzwischen ist aus der Bundesrepublik längst ein Einwande- rungsland geworden, in dem die Zuwanderer nicht nur ein Gastrecht genießen. Ein Fünftel der mehr als 80 Millionen Einwohner hat einen Migrationshintergrund. Dazu gehören 4,5 Millionen Muslime, rund die Hälfte von ihnen besitzt die deutsche Staatsbürgerschaft. Und dennoch gehört es ebenfalls zum Alltag in Deutschland, dass Ewiggestrige selbst jene diskriminieren, die einen Personalausweis besitzen.

Gefährlich wird es jedoch, wenn aus Ressentiments am Ende Rassismus und Fremdenhass werden. Es ist zwar nur eine Minderheit, die so denkt, die meisten Deutschen haben zum Glück aus der dunklen Geschichte gelernt. Nur so konnte eine multikulturelle Gesellschaft entstehen, die ja keine bloße Erfindung der Grünen ist und sich deshalb nicht wegdiskutieren lässt.

Gerade darum ist es ein Alarmzeichen, dass inzwischen vor allem Politiker der CSU den Islam zum Feind der Demokratie erklären. Sie attackieren damit den Glauben von Millionen Menschen, die Deutschland auch deshalb als ihre Heimat betrachten, weil sie hier die Vorzüge der Religionsfreiheit genießen. Will ihnen CSU-Innenminister Horst Seehofer ihre Heimat wegnehmen? Er behauptet ja, dass der Islam nicht zu Deutschland gehört. Man mag das als populistisches Wahlkampfgetöse abtun – die CSU möchte im Herbst in Bayern wieder die absolute Mehrheit erzielen. Aber in den Ohren der Muslime muss das so klingen, als lebten sie im falschen Land, wenn sie sich an den Koran halten. Sollen sie am Ende konvertieren oder eben auswandern?

Auch CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt befeuert die Debatte. Er meint unterschwellig, die Muslime könnten sich nicht integrieren, weil der Islam in der Bundesrepublik „keine kulturellen Wurzeln“ habe. Das ist barer Unsinn. Muslime spielen in der Fußball-Nationalelf, drehen preisgekrönte Filme und bereichern die Literatur mit ihren Werken. Sie heißen Mesut Özil, Fatih Akin und Feridun Zaimoglu. Ob sie zu Allah beten, wen interessiert denn das? Ohne diese Menschen wäre unsere Kultur jedenfalls ärmer. Auch sie haben dafür gesorgt, dass das Leben in Deutschland vielfältiger und interessanter geworden ist.

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