Kommentar

Alternativlos

Katrin Pribyl über das Dilemma der britischen Regierungschefin Theresa May, die im Amt bleiben muss, obwohl sie ihm nicht gewachsen ist

 

Die Rede von Premierministerin Theresa May zum Abschluss des Parteitags geht in die Geschichte des Landes ein. Da sprach eine politisch geschwächte, unter Druck stehende Regierungschefin, deren einziges Ziel es war, Stärke zu demonstrieren. Und am Ende räuspert, krächzt und hustet sie sich durch die Ansprache, so dass Publikum und Zuschauer peinlich berührt Mitleid empfanden.

Bedauert zu werden ist die Höchststrafe für politische Schwergewichte. Auch May dürfte die Geschichte als einzige Peinlichkeit wahrnehmen. Wie lange wird sie nach diesem Auftritt Premierministerin bleiben können? Schon jetzt prasseln Rücktrittsforderungen auf sie ein, selbst wenn die Mehrheit der Parlamentarier sie bislang stützt.

Die Frage nach ihrer Zukunft in der Downing Street stellt sich ohnehin seit Monaten, nachdem May die Neuwahlen im Juni ausrief, bei der die Konservativen ihre absolute Mehrheit verloren. Doch es mangelt an Alternativen.

Boris Johnson hat mit seinen verbalen Ausrutschern sowie diplomatischen Fehltritten für viel Frustration innerhalb der Partei gesorgt. Dass der Machtmensch mit seinen egomanischen Alleingängen die Konservativen geschwächt und die Premierministerin mehrmals düpiert hat, nehmen ihm sogar einstige Unterstützer übel.

Und seine Einmischungen in die Brexit-Verhandlungen mögen vielleicht bei den Hardlinern unter den EU-Skeptikern ankommen. Die meisten Konservativen wünschen sich aber vor allem Stabilität, Einigkeit und etwas Ruhe. Der Appetit auf einen erneuten Machtkampf innerhalb der Partei ist klein.

Sollte May in den nächsten Tagen zurücktreten, wäre das ein Desaster für das seit dem EU-Referendum von politischen Tumulten geplagte Land. Nach ihrer Rede aber dürfte auch dem letzten Konservativen klar sein, dass die angezählte Chefin die Partei keineswegs aus der Krise führen kann.

Während Mays Befürworter nun ihr Durchhaltevermögen loben, erhielten ihre Kritiker neues Futter. Es ist völlig ausgeschlossen, dass die Vorsitzende, wie sie kürzlich ankündigte, ihre Partei erfolgreich in die nächste Abstimmung in fünf Jahren führen kann. Trotzdem muss sie vorerst bleiben. Denn das Schlimme ist, dass die Konservativen zurzeit keine Wahl haben. Politik kann sehr grausam sein.