Kommentar

An der Sache vorbei

Archivartikel

Thomas Spang glaubt, dass US-Präsident Donald Trump allein an einer Kehrtwende bei seinen schlechten Umfragewerten interessiert ist

Donald Trump präsentierte sich zum Auftakt der zweiten Staffel der „Corona“-Show aus dem Weißen Haus weniger verrückt als zum Finale der ersten Saison. Diese war im April mit der Empfehlung des Präsidenten zu Ende gegangen, darüber nachzudenken, Covid-19-Kranken haushaltsübliche Desinfektionsmittel zu injizieren. Oder sie mit UV-Licht zu behandeln. Statt fast zwei Stunden irres Zeug von sich zu geben, trug Trump diesmal 15 Minuten halbwegs konzise vor, was ihm seine Berater aufgeschrieben hatten.

Er fantasierte nicht über das letzte Aufglimmen eines „zu 99 Prozent harmlosen Erregers“, sondern räumte angesichts von fast vier Millionen Infizierten und täglich mehr als tausend Toten das Offensichtliche ein: Die außer Kontrolle geratene Pandemie hat sich zu einem Flächenbrand entwickelt. Dass er zähneknirschend erstmals auch das Tragen von Masken empfiehlt, heißt nicht, dass der Präsident dies auch so meint. Am Vorabend der Wiederaufnahme der Corona-Briefings mengte sich Trump in seinem Hotel an der Pennsylvania Avenue ohne Mund-und-Nasen-Schutz unter seine Gäste. Die traurige Aufführung im Presseraum des Weißen Hauses als Umkehr oder Beichte verkaufen zu wollen, geht an der Sache vorbei. Denn dies setzte eine Erforschung des Gewissens und echte Reue voraus.

Von beidem fehlt bei Trump jede Spur. Andernfalls hätte er den Top-Infektiologen der Regierung, Anthony Fauci, nicht kurz vor seinem Auftritt als „Alarmisten“ denunziert, sondern ihn zu dem Briefing eingeladen und dem Realisten das Mikrofon überlassen. Die einzige Kehrtwende, an der Trump interessiert zu sein scheint, ist die bei seinen abgestürzten Umfragewerten. Das erklärt, warum er bei Rückkehr der „Corona“-Briefings so gedämpft wirkte. Wie einer, der von einem tödlichen Erreger als Geisel gehalten wird. Dem Präsidenten dämmert, dass die Amerikaner bei den Wahlen im November nicht den „China“-, sondern den „Trump-Virus“ für die vermeidbare Katastrophe verantwortlich machen werden.