Kommentar

An sich selbst gescheitert

Archivartikel

Marc Stevermüer zur Situation von Borussia Dortmund

Fußball-Romantiker träumen schon länger davon: Borussia Dortmund wird deutscher Meister, der FC Liverpool gewinnt die englische Premier League. Zwei große Traditionsvereine mit fantastischen Fans, deren Sehnsucht nach dem Titel fast grenzenlos ist – und die am Saisonende vielleicht doch nichts zu feiern haben. Ziemlich sicher gilt das für den BVB, der wahrscheinlich eine historische Chance auslässt, die Dominanz der diesmal arg schwächelnden Bayern zu durchbrechen. Das Schlimme daran: Die Westfalen sind in erster Linie an sich selbst gescheitert.

Gewiss: Die Saison der Borussia ist keinesfalls schlecht. Und was die Spielweise angeht, sind die Dortmunder im Gegensatz zu den Münchnern näher dran an dem, was derzeit in der europäischen Spitze gefordert und von Mannschaften wie Ajax Amsterdam, dem FC Liverpool und dem FC Barcelona auch gezeigt wird. So lange die Westfalen ihr Umschalt- und Offensivspiel aufziehen dürfen, können sie jeden Gegner schlagen.

Lerneffekt bleibt aus

Aber: Wer Meister werden will, muss es auch einmal schaffen, einen Vorsprung zu verteidigen. Das misslingt den Dortmundern seit Monaten. Hinzu kommen die sich wiederholenden krassen individuellen Aussetzer sowie die eklatante Schwäche beim Verteidigen von Standardsituationen. Kurzum: Die Westfalen begehen immer wieder dieselben Fehler, der Lerneffekt bleibt aber aus – was einerseits der Unerfahrenheit dieses jungen Teams zugeschrieben werden muss, andererseits aber auch dem Trainer Lucien Favre. Der ist zweifelsohne ein überragender Tüftler und Analyst, aber es stellt sich die Frage, warum seine Mannschaft in der zweiten Halbzeit regelmäßig in einen – von ihm vielleicht sogar verordneten? – Ergebnisverwaltungsmodus verfällt. Und wenn dem BVB dann das Spiel erst einmal entgleitet, gelingt es dem Coach selten, noch irgendwie entgegenzuwirken. In Bremen gab sich die Borussia nach dem Ausgleich mehr oder weniger mit dem 2:2 zufrieden. Nichts war davon zu sehen, dass der Tabellenzweite unbedingt gewinnen muss, dass er ins volle Risiko gehen will, dass er alles versuchen wird. Als Trainer-Impuls erfolgte die Einwechslung von Stürmer Maximilan Philipp – bezeichnenderweise in der 90. Minute.

In einer ähnlichen Situation wie die Borussia befand sich am Samstagabend übrigens auch der FC Liverpool in Newcastle. Beim Stand von 2:2 zeigte Trainer Jürgen Klopp Mut, er wechselte offensiv und sendete ein Signal an seine Mannschaft, die prompt 3:2 gewann und der die Gier anzumerken ist. Trotzdem kann es natürlich sein, dass Liverpool am Ende nicht ganz oben steht. Aber das hätte dann vor allem mit einem überragenden Rivalen Manchester City – und nichts mit eigener Schuld zu tun.

 
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