Kommentar

Anerkennung verdient

Archivartikel

Peter W. Ragge zum Geburtstag der Bundeswehr

Plötzlich sieht man sie wieder: In Mannheim, am Paradeplatz, und anderswo taucht derzeit immer öfter „Fleckentarn“ im Stadtbild auf. Die Männer und Frauen im Feldanzug mit dem fünffarbigen Tarnmuster kämpfen gegen einen neuen Feind: das Coronavirus beziehungsweise die Überforderung von Gesundheitsämtern und medizinischem Personal. Dazu haben inzwischen selbst Städte, deren Oberbürgermeister innerlich eine große Abwehrhaltung gegen alles Militärische haben, die Hilfe der Bundeswehr angefordert. Sie ist einfach dringend nötig.

Sonst versteckt man die Truppe, deren 65. Geburtstag jetzt gerade groß im Beisein des Bundespräsidenten gefeiert wurde, mittlerweile lieber. Zwar zollte das Staatsoberhaupt den Rekruten Respekt für ihre „Einsatzbereitschaft und Hingabe, ihren Mut und ihre Tapferkeit“. Das ist völlig richtig und angemessen – und dennoch sind es Worte, die Politiker heutzutage eher selten aussprechen. Mit Verteidigungspolitik kann man keine Wählerstimmen gewinnen.

Bundeswehr und Gesellschaft sind sich nämlich fremd geworden. Zwar heißt man die Soldaten derzeit als Retter in der Corona-Pandemie so willkommen wie bei der Sturmflut 1962 oder beim Oderhochwasser 1997. Ansonsten sehen viele Politiker wie Bürger Streitkräfte als notwendiges Übel an, mit dem sie nicht viel zu tun haben wollen. Wir hatten sogar zeitweise eine Verteidigungsministerin, die sich peinlich bemühte, nicht mit zu martialisch erscheinenden Waffen fotografiert zu werden. Man versteckt die Truppe in Kasernen, die meisten großen Manöver finden längst im Ausland statt.

Zur Entfremdung trägt auch bei, dass ja kaum noch jemand Soldaten kennt. Seit 2011 ist die Wehrpflicht ausgesetzt. In den vergangenen 30 Jahren ist die Truppenstärke von über 585 000 auf heute 183 400 Mann geschrumpft. Viele Standorte hat man geschlossen, die Mannheimer Garnison schon 1994. Wenn die Justiz Sätze wie „Soldaten sind Mörder“ zulässt, wirkt das wie eine Distanzierung. Seit Jahren schaut die Politik zu, wie das Material völlig veraltet und teilweise nur noch Schrottwert hat. Das bedeutet eine äußerst geringe Wertschätzung für jene Männer und Frauen, die bereit sind, ihr Leben für diesen Staat aufs Spiel zu setzen.

Denn darum geht es: Soldaten müssen laut Diensteid „das Recht und die Freiheit tapfer verteidigen“ – ob an der Oder oder in Afrika. Dafür haben sie auch im Alltag viel mehr Anerkennung verdient, nicht nur in den Reden zum Geburtstag.

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