Kommentar

Auf dem Tiefpunkt

Jan Kotulla über die wachsende Skepsis zu den Olympischen Spielen: Es sollten endlich wieder die Sportler in den Fokus rücken

Olympia steckt in einer Krise. Wieder einmal. Und erneut sind die Gründe hausgemacht. Besonders deutlich werden die Probleme bei den Winterspielen. Reihenweise wurden beispielsweise geplante Bewerbungen für 2022 zurückgezogen, weil die Menschen unter anderem in Spanien, Deutschland, der Schweiz, Schweden und Norwegen sich vor hohen Kosten und Umweltzerstörung fürchteten. Den Zuschlag erhielt schließlich China mit der Hauptstadt Peking, zur Wahl stand außerdem Kasachstan mit Almaty.

Beide Staaten sind nicht gerade Musterbeispiele für Demokratie. Die Vergabe dient vielen Skeptikern als Beweis dafür, dass es den Sportfunktionären nur um Kommerz und nicht um Menschenrechte und die olympischen Ideale geht. Damit Staatschef Wladimir Putin vor vier Jahren in Sotschi Russland als Sportnation Nummer eins präsentieren konnte, sollen geschätzte 50 Millionen Euro geflossen sein. Dass der Medaillensegen auf einem staatlich unterstützten Dopingsystem fußte, wird immer noch aufgearbeitet. Die zweifelhafte Ernsthaftigkeit dieser Ermittlungen ist ein weiterer Grund für das immer tiefer werdende Misstrauen.

Dem IOC sind die Diskussionen zwar nicht recht, die Erlöse aus Fernsehgeldern und Vermarktung streicht man in der Zentrale in Lausanne aber gerne ein. 90 Prozent der fünf Milliarden Euro aus den Jahren 2013 bis 2016 werden wieder an die Nationalen Olympischen Komitees ausgeschüttet. Aber immerhin rund 700 Millionen Euro Rücklagen hat der Verein, der Steuerfreiheit genießt, angesammelt. Das Finanzgebaren und der Druck auf die Bewerberstädte beziehungsweise -länder, dem IOC umfangreiche Hoheitsrechte abzutreten, ist ein weiterer Stein des Anstoßes vieler Kritiker.

IOC-Präsident Thomas Bach gibt vor, die Zeichen der Zeit erkannt zu haben, und hat einen Reformprozess eingeleitet, um das Vergabeverfahren günstiger zu gestalten. Der Jurist aus Tauberbischofsheim wirbt außerdem dafür, gemeinsame Bewerbungen zweier Staaten zu vereinfachen und bestehende Wettkampfstätten wie Sprungschanzen oder Bobbahnen zu nutzen. Doch noch scheinen seine Komitee-Mitglieder ihrem Chef nicht zu folgen. Zudem wollen sich die Staaten im olympischen Glanz sonnen und nicht kleckern, sondern klotzen.

Im September kommenden Jahres wird bekanntgegeben, wer die Spiele 2026 ausrichten darf. Graz und Schladming wollen es riskieren, die Schweiz könnte ebenfalls einen erneuten Versuch unternehmen.

Es wäre ein Signal für einen Aufbruch, wenn die Bewerbung mit der besten Ökobilanz den Zuschlag erhalten würde. Es wäre ein Anfang, aus dem bestehenden Teufelskreis auszubrechen. Denn angesichts der Klimaerwärmung und des geringeren weltweiten Interesses am Wintersport dürfte der Kreis der potenziellen Ausrichter eher kleiner werden.

Bei Olympia sollten wieder die Sportler in den Fokus rücken. Dass dies derzeit nicht geschieht, sieht man schon daran, dass in Pyeongchang keine Rücksicht darauf genommen wird, wann die besten Wetterverhältnisse oder Temperaturen herrschen. Stattdessen werden die Wettkämpfe an den besten Sendezeiten der jeweiligen Märkte ausgerichtet.

Zum Thema