Kommentar

Auf nach Russland

Archivartikel

Inna Hartwich lehnt einen WM-Boykott ab

 

Ach, was war das für ein nettes Bild, als die Bundeskanzlerin Angela Merkel bei der Fußball-WM in Brasilien vor vier Jahren nach dem Endspiel in die Kabine der deutschen Nationalmannschaft kam und plötzlich mittendrin saß. „So ganz natürlich“, freute sich der Nationaltrainer Jogi Löw. In nicht einmal zwei Wochen beginnt die Fußball-WM in Russland, in diesem Land, deren politische Spitze so gar nicht mit den Werten harmoniert, die in Deutschland hochgehalten werden. Einem Land, das die Opposition unterdrückt, das alle verfolgt, die anderer Meinung sind als die Machtspitze es ist, das den Syrien-Krieg zugunsten des Schlächters Baschar al-Assad beeinflusst, das ein staatlich finanziertes Dopingsystem pflegt und das Benennen dieser Tatsache als Schmutzkampagne des Westens abtut. Es gibt viele Gründe zu sagen: Politiker, bleibt von den Tribünen weg und jubelt dem „lupenreinen Demokraten“ und seinen Spielen nicht zu!

Doch all die Aufrufe an die Staatsführer und Volksvertreter, der WM quer durch Russland fernzubleiben, sind scheinheilig. Denn glaubt wirklich jemand, Wladimir Putin verlöre nur ein Fünkchen seiner Popularität im Land, wenn es keine Bilder mit der deutschen Bundeskanzlerin im Stadion gibt? Zudem müsste nicht nur Russland als Ausrichter, es müsste auch der Veranstalter – der durch und durch korrupte Weltfußballverband Fifa – auf der Anklagebank sitzen. Die WM ist eine Gelegenheit, das bestehende Missfallen zu äußern.

Allen Nicht-Politikern, Fußball-Fan oder nicht, sei ohnehin gesagt: Fahrt nach Russland! Fahrt nach Kasan, nach Jekaterinburg, nach Saransk. Städte außerhalb des Planeten Moskau. Seht euch die Orte an, merkt die Mühen des Alltags, merkt die Freuden des Alltags. Und versteht so, dass Russland in vielen Fällen kritisiert werden muss und dass es ohne Russland in der Welt nicht geht. Nicht Isolation bringt etwas, sondern nur der Wille, sich zu begegnen.

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