Kommentar

Aufbruch wagen

Archivartikel

Peter W. Ragge zu den Chancen des „Synodalen Wegs“

Als 2012 der Deutsche Katholikentag in Mannheim zu Gast war, lautete das Motto „Einen neuen Aufbruch wagen“. Zwei Jahre zuvor war erstmals eine größere Zahl von Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche bekanntgeworden, worauf die Bischöfe „Gesprächsprozesse“ starteten. Danach gab es sehr viel bedrucktes Papier, aber sehr wenig greifbare Ergebnisse.

Offenbar war da der Leidensdruck noch nicht groß genug. Nach einer steigenden Zahl von Austritten, rapidem Glaubwürdigkeitsverlust und wachsender Entfremdung der Basis von den Kirchenoberen ist inzwischen das Rumoren in den Gemeinden längst unüberhörbar geworden.

Jetzt wagen die Katholiken daher wieder einen Aufbruch. Der „Synodale Weg“ in Frankfurt stellt ein ungewöhnliches Experiment dar. Allein die Tatsache, dass über kirchliche Machtstrukturen, Frauen in Ämtern der Kirche oder die katholische Sexualmoral überhaupt diskutiert werden darf, ist so ungewöhnlich wie der ganze Teilnehmerkreis. Frauen reden auf Augenhöhe mit, 15 der 230 Teilnehmer sind junge Leute unter 31 Jahren und die Sitzordnung ist nicht nach Hierarchie, sondern nach Alphabet sortiert – für die strengen katholischen Verhältnisse und viele in völlig entrücktem Pomp lebende Bischöfe kommt allein das einer Revolution nahe.

Daher gab es nicht wenige Versuche konservativer Kleriker, den neuartigen Dialog zu torpedieren. Eine Gruppe um den Eichstätter Bischof Gregor Maria Hanke wollte etwa verhindern, dass Vorschläge, die „der kirchlichen Lehre widersprechen“, überhaupt debattiert werden. Aber dann hätte man sich gar nicht auf den „Synodalen Weg“ machen dürfen – denn mit diesem Argument kann man alle Fortschritte verhindern. Doch zum Glück sind all diese Verhinderungsversuche gescheitert.

Allein das ist ermutigend, ein Aufbruch also wirklich spürbar – aber der Weg noch sehr lang und die Fronten keineswegs aufgelöst. Doch ohne Reformen ist die katholische Kirche zumindest in Deutschland nicht zukunftsfähig.