Kommentar

Aufholjagd

Tobias Käufer glaubt, dass der Kandidat der Arbeiterpartei, Fernando Haddad, vor der Stichwahl in Brasilien nun enorm unter Druck steht

Das deutliche Ergebnis für den Rechtspopulisten Jair Bolsonaro im ersten Durchgang der Präsidentschaftswahl in Brasilien liefert es schwarz auf weiß: Wie groß müssen Wut und Verzweiflung einer Bevölkerung sein, wenn sie einem Kandidaten die Macht überlassen will, der von sich selbst behauptet, von Wirtschaft keine Ahnung zu haben?

In drei Wochen trifft Bolsonaro in der Stichwahl auf Fernando Haddad, den Kandidaten der Arbeiterpartei PT. Nun haben die Brasilianer Zeit, sich noch einmal Gedanken zu machen, ob sie wirklich einem Politiker die Macht anvertrauen wollen, der offen demokratische Grundwerte verachtet.

Herausforderer Haddad wird seine Taktik ändern müssen. Er muss einerseits endlich eine glaubwürdige Aufarbeitung des Korruptionsskandals in den eigenen Reihen starten, um bei den Wählern Vertrauen zurückzugewinnen, andererseits die Protestwähler von Bolsonaro überzeugen, die ihm nur aus Frust ihre Stimme gaben. Und er muss sich von den Kräften innerhalb seines politischen Lagers distanzieren, die mit den brutalen Linksdiktaturen wie jener in Venezuela sympathisieren.

Weil der wegen passiver Korruption inhaftierte, populäre Ex-Präsident Lula da Silva zu lange an seiner Kandidatur für die PT festhielt, die ihm die Justiz verweigerte, muss Haddad als ehemaliger Bürgermeister von São Paulo nun in Rekordzeit auch in den anderen Landesteilen bekannt und akzeptiert werden. Ansonsten droht Brasilien eine Revolution, die zu einem Desaster für die Demokratie werden kann und deren Auswirkungen noch gar nicht abzusehen sind.