Kommentar

Auftrag Erlösung

Archivartikel

Uwe Rauschelbach geht der Frage nach, wie die christlichen Kirchen in der modernen Gesellschaft ihre Relevanz behaupten können

 

Ostern im Jahr eins nach dem Jubiläum 500 Jahre Reformation – und die Normalität hat uns wieder. Das war auch nicht anders zu erwarten. Obwohl: Dass der reformatorische Geist noch ins Jahr 2018 hinüberwehen werde, hätte man durchaus hoffen können, nach all den öffentlichkeitswirksamen Bekenntnissen des Protestantismus zu seinem lutherischen Erbe.

Zumal die Kirche ihre Relevanz längst nicht mehr in theologischen Streitfragen zu bestätigen sucht, sondern dort, wo sie sich gerne sieht: in der Mitte der Gesellschaft. Oft genug wurde das Diktum des Staats- und Verwaltungsrechtlers Ernst-Wolfgang Böckenförde von 1964 denn auch kirchlich vereinnahmt: „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.“

Aber schaffen die Kirchen diese Voraussetzungen? Und inwieweit riskieren sie hierdurch eine Nähe zu staatlichen Institutionen, da sie doch für ein Reich streiten, das nicht von dieser Welt ist? Im Unterschied zu Frankreich herrscht in Deutschland kein strikter Laizismus; Staat und Kirche kooperieren etwa beim Religionsunterricht, und die staatlichen Finanzbehörden erheben Kirchensteuern. Doch die sinkenden Mitgliederzahlen lassen den behördlichen Überbau der Kirchen beider Konfessionen umso hässlicher zutage treten. Der Schrumpfungsprozess wird als Chance der Kirche gesehen, sich aufs Kerngeschäft – die Verkündigung der christlichen Botschaft – zu konzentrieren.

Das Gebot der Nächstenliebe verpflichtet die Kirchen unterdessen zu sozialem und karitativem Engagement. Gerechtigkeit ist keine bloß heilsgeschichtliche Kategorie, sondern als praktische Handlungsanweisung zu verstehen, die sich aus neutestamentlichen Texten wie der Bergpredigt oder dem Gleichnis vom Barmherzigen Samariter ultimativ erschließt.

Die Relevanz der christlichen Kirche ist ohne ihren Einsatz für Freiheit und Gerechtigkeit in dieser Welt denn auch nicht denkbar. Zugleich verlöre die Kirche ihre zentrale Bestimmung, würde sie sich einseitig über ihr soziales Engagement definieren. Die Botschaft von der Erlösung des zur Sünde neigenden Menschen durch den „Menschensohn“ bleibt ihr Hauptauftrag.

Kirchliches Engagement erschöpft sich nicht in der Solidarität mit den Armen, Kranken und Schwachen, sondern muss sich für die eigentliche Stellung des Menschen öffnen. Dieser erfährt sich vor dem „unbekannten Gott“ des Paulus als hilf- und ratlos, mit eindeutigen Antworten auf die Fragen dieses Lebens allein gelassen – nicht anders als die verzweifelten Zeugen unter dem Kreuz auf Golgatha. Die Wahrheit ist nicht verfügbar, sie muss immer wieder neu erschlossen werden. Zu Einsichten in die höheren Angelegenheiten des Daseins ist der Mensch, wie es spätestens Immanuel Kant herausgearbeitet hat, nicht begabt.

Solidarität meint im Kern die Identifikation der Kirche mit der säkularen Welt, nicht im Sinne einer Gleichstellung, aber mit all ihren Fragen und Zweifeln. Auch Christen sind auf Wegen mit offenem Ausgang unterwegs. In der ehrlichen Übereinkunft, dass das Wissen über die letzten Dinge allenfalls in der Annäherung errungen werden kann, aber nie als Besitz zur Verfügung steht, liegt ein entscheidender Faktor für die kirchliche Relevanz in der Moderne – und vielleicht für neue reformatorische Impulse. Für eine Kirche, die sich den Prozessen der Säkularisation nicht entgegenstellt, sondern die das Leiden am verborgenen Sinn des Lebens auch in seiner Absurdität teilt. Gerade Ostern macht die extremen Bedingungen menschlicher Existenz in radikaler Weise sichtbar.

Die Auferstehung mag ein machtvolles Hoffnungszeichen über dieser Welt sein. Doch es in aller Konsequenz zu verstehen, darum ringen wir, weniger in theoretischen Diskursen als in unseren Lebensvollzügen, alle gemeinsam.