Kommentar

Aus Not wird Tugend

Archivartikel

Stefan M. Dettlinger lobt den Corona-Spielplan des NTM

Not mache erfinderisch, heißt es sprichwörtlich, und meistens stimmt der Satz ja auch, der einst vielleicht selbst aus der Not geboren wurde und in ihr einen letzten Hoffnungsschimmer verbreiten sollte. Auf die Programmpolitik des Nationaltheater Mannheim für die kommende Saison jedenfalls trifft er zu. Aus der Not (erst mal keine verlässlichen Planungen in Pandemielagen und Hygienebestimmungen hinein machen zu können) haben die vier Herren Intendanten und die Frau Intendantin am Goetheplatz zumindest für die kommende Saison die richtige Konsequenz gezogen: auf Sicht spielen und dann schauen, wie man mit der aktuellen Situation umgehen kann, um trotzdem noch darstellende Kunst für Menschen anzubieten. In der Umsetzung heißt das: Drei Monate sind mehr als 200 Veranstaltungen geplant, weiteres für danach liegt in der Hinterhand.

Dort, wo die Not am größten ist, wurde auch das Innovativste entwickelt: Die mitunter als pompös, luxuriös und altmodisch verschriene Oper spielt gleich mehrere Werke in arrangierter und gekürzter Version vor zwei weißen Wänden. Das ist so kühn wie erfrischend. Acht mal sechs Meter sind sie groß, und sie werden visuell mit Filmen und Fotos bespielt – wohl so ähnlich, wie Barrie Kosky es in seiner legendären Berliner „Zauberflöte“ gezeigt hat, die 2014 beim Mannheimer Mozartsommer (vor ausverkauftem Haus) zu Gast war. Lauter extrem erfolgversprechende Titel, von „Madama Butterfly“ über den „Barbier von Sevilla“ bis hin zu „Hänsel und Gretel“, treffen auf die Uraufführung von Hans Thomallas Song-Oper „Dark Spring“. Dies alles in dreieinhalb Monaten. Alle Achtung.

Dass sich für den körperbetonten Tanz alles extrem schwierig gestaltet – klar. Die Ankündigungen zweier Stephan-Thoss-Abende bleiben daher vage, genau so wie die drei Uraufführungen im Jungen NTM, das ja vor verschwindend kleiner Besucherzahl spielen muss.

Im Schauspiel herrscht freilich die aktuelle Mode: Zeitgenossenschaft, 20. Jahrhundert, Roman-Adaption und auch ein Großklassiker: Kleists „Käthchen von Heilbronn“, bei dem Hausregisseur Christian Weise sicherlich keinen Stein beziehungsweise kein Geschlecht auf dem anderen lassen wird. Es ist wieder ein junger Spielplan im Sprechtheater mit erfreulich vielen Autorinnen und Regisseurinnen. Hoffentlich beschert er der Schillerbühne die Fans von morgen. Mutig!

Das NTM übt trotz der widrigen Bedingungen Normalität und macht mitunter aus der Not eine Tugend. Gut und erfinderisch.