Kommentar

Thomas Spang kritisiert das TV-Duell der Vizekandidaten zur US-Wahl als langweilig. Kamala Harris sieht er als klare Siegerin über Mike Pence

Ausgelaugt

Archivartikel

Für die meisten Schlagzeilen des Vize-Duells zwischen der Demokratin Kamala Harris und dem aktuellen Vizepräsidenten Mike Pence dürfte die schwarze Fliege sorgen, die auf dessen silbergrauem Scheitel Platz genommen hatte. Gelangweilt von dem saftlosen Singsang des Republikaners machte sie nicht die geringsten Anstalten abzuheben.

Bis auf das merkwürdig gerötete Auge wirkte Pence blass und kraftlos. Fast wie einer, der etwas ausbrütet. Covid-19? Kamala Harris lieferte die bessere Vorstellung ab, obwohl auch sie keine Antwort auf die meisten Fragen der schwachen Moderatorin gab. Effektiv erinnerte sie während der 90 Minuten auf der Bühne von Salt Lake City wiederholt an die mehr als sieben Millionen Corona-Infizierten und 210 000 Toten der Pandemie, verpasste aber die Chance, Pence wegen seiner Rolle an der Spitze der Corona-Taskforce schärfer anzugehen.

In Erinnerung bleiben wird auch die herablassende Art, mit der Pence über die beiden Frauen auf der Bühne hinwegredete. Damit wird er garantiert nicht die Massenflucht der weißen Wählerinnen von Donald Trump stoppen. Einen Bulldozer mit Schalldämpfer dürften wenige Frauen attraktiv finden.

Ansonsten wird am kommenden Wochenende bestimmt kaum mehr jemand wissen, worüber Pence und Harris eigentlich diskutiert haben. Inhaltlich bleiben vielleicht noch vage die Beiträge von Harris zu „Obamacare“ und der Rolle von verlässlichen Freunden im Ausland hängen.

Beide vermieden kapitale Fehler, lieferten aber auch keine einprägsamen Zitate für die Endlosschleifen in den Nachrichtenkanälen. Harris setzte sich bei der Debatte als kompetente Kandidatin in Szene, die den 77-jährigen Joe Biden im Fall der Fälle als Präsident ersetzen könnte. Pence hat gewiss auch die Erfahrung dafür, wich aber der Frage aus, ob es angesichts der Erkrankung Trumps mit dem gefährlichen Covid-Erreger Notfall-Absprachen gibt.

Da Biden und Harris in den Umfragen mit fast zehn Punkten vorn liegen und auch in allen Wechselwähler-Staaten die Umfragen anführen, lag es an Pence, das Ruder herumzureißen. Die vielleicht letzte Chance vor einem Millionenpublikum, da die beiden anderen Debatten zwischen Trump und Biden wegen der Corona-Erkrankung des Präsidenten infrage stehen. Pence versuchte im Duktus eines traditionellen Republikaners, die Politik eines unkonventionellen Präsidenten zu vertreten. Und scheiterte an den Widersprüchen. Der Vizepräsident wirkte bei diesem Auftritt in Salt Lake City so ausgelaugt wie die Regierung insgesamt.

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