Kommentar

Ausgereizte Kreditlinie

Archivartikel

Alexander Müller zur Situation bei der DFB-Elf

Wenn Joachim Löw am kommenden Mittwoch in München erstmals der Öffentlichkeit erklären will, wie die WM in Russland so kolossal in die Binsen gehen konnte, sind seit dem Fiasko von Kasan gegen Südkorea 64 Tage vergangen. In diesem Zeitraum haben sich Teammanager Oliver Bierhoff und DFB-Präsident in diversen Interviews um Kopf und Kragen geredet, in Mesut Özil trat einer der verdienstvollsten Nationalspieler der vergangenen Jahre mit einem denkwürdigen Rundumschlag zurück. Nur der Bundestrainer schwieg. In der Kategorie des Aussitzens hat der verstorbene Altkanzler Helmut Kohl einen würdigen Nachfolger gefunden.

Löws Geheim-Präsentationen vor Liga-Vertretern und DFB-Präsidium Reinhard Grindel hatten ein bisschen was von einer Sitzung im Politbüro der zum Glück in die Geschichte eingegangenen DDR. Fragen waren zwar zugelassen, aber das Ergebnis stand schon vorher fest: Der Bundestrainer bleibt und darf sich daran versuchen, die gigantische Krise zu beseitigen, die er selbst zumindest mitverschuldet hat. Der Tenor der schmalen Verlautbarungen nach den Zusammenkünften hinter verschlossenen Türen: Löw ist der beste Mann für die aktuelle Situation. In Klammern stand unausgesprochen dahinter: Wir haben auch gar keinen anderen.

Die Strategie, den ausgerufenen Neuaufbau beim entthronten Weltmeister mit dem alten Gesicht an der Spitze durchzuziehen, ist höchst riskant. Denn die Stimmung im Land in Bezug auf das Fußball-Aushängeschild hat sich gedreht: Skepsis, ja sogar Häme und Spott sind an die Stelle der zuvor jahrelang üblichen Euphorie getreten.

Löws Kreditlinie ist nach dem Russland-Desaster komplett ausgereizt, selbst der in normalen Jahren nebensächliche neue Wettbewerb Nations League ist jetzt mit richtungsweisender Bedeutung aufgeladen. Eine mögliche Niederlage zum Auftakt gegen Weltmeister Frankreich in München – und der Bundestrainer müsste vor dem Testspiel gegen Peru in Sinsheim drei Tage später die Frage beantworten, wie sicher er sich noch im Sattel fühlt.

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