Kommentar

Ausgezeichneter Schriftsteller

Thomas Groß bewertet die Würdigung Kazuo Ishiguros

 

Zum Witzeln besteht kein Anlass. Der diesjährige Literatur-Nobelpreisträger ist kein Autor, von dem allenfalls ein enger Zirkel von Eingeweihten oder der gelehrte Kenner gewisser Nationalliteraturen wüsste. Kazuo Ishiguro ist ein Autor von Rang und Namen - ein Autor, dessen Werke in mehr als 40 Sprachen übersetzt sind; immerhin zwei seiner Romane waren auch sehr erfolgreich, besonders "Was vom Tage übrig blieb". Sein Stil wird gelobt, keine Geringeren als Dostojewski und Tschechow zählt er zu den Vorbildern. Wenn ihn die Nobelpreis-Jury nun mit den höchsten literarischen Weihen versieht, kann dies in aller Welt als echte literarische Entscheidung gelesen werden. Das ist das erste Signal, das die Schwedische Akademie sendet. Es kommt vielen gelegen, nachdem die letztjährige Entscheidung für den Pop-Poeten Bob Dylan auch viel Unverständnis hervorgerufen hatte. Wäre die Wahl auf den erneut hoch gehandelten Japaner Haruki Murakami gefallen, hätte man wieder bemängeln können, dass dem, na ja: Massengeschmack entsprochen würde.

Murakami gilt zudem als Autor, der sehr zeitgemäße westliche Literaturmuster verwendet, aber seine ostasiatischen Wurzeln vernachlässigt. Ishiguro ist japanischer Abstammung, aber britischer Staatsbürger. Er schreibt auf Englisch - und strebte zunächst eine Karriere als Pop-Musiker an. In einer Kontinuität zu früheren, auch zur letztjährigen Entscheidung steht seine Wahl also doch. Durch sie können sich nun die westliche Welt ebenso wie Ostasien geschmeichelt fühlen.

Ein politisches Moment kommt hinzu - in Ishiguros Werke spielen sowohl die dunkle Geschichte des 20. Jahrhunderts als auch gesellschaftskritische Töne hinein, die sich bei ihm mit zeitlosen, menschlichen Fragen gut vertragen. Das zweite Signal, das von der Entscheidung ausgeht, ist deshalb dies: Die Akademie beweist einmal mehr diplomatisches Gespür, sie zeichnet kluge Literatur aus und bleibt sich doch bei allem selber treu.