Kommentar

Ausnahme als Alltag

Madeleine Bierlein über Corona in Deutschland

Ein halbes Jahr ist es her, dass das Coronavirus erstmals bei einem Patienten in Deutschland nachgewiesen wurde. „Wir sind gut vorbereitet“, versprach Bundesgesundheitsminister Jens Spahn damals – doch ganz so einfach sollte es nicht werden. Inzwischen betrifft das Virus jeden und jede von uns. Die Ausnahmesituation ist zum Alltag geworden.

Immerhin: Deutschland hat die Pandemie vergleichsweise gut in den Griff bekommen. Das war nicht immer sicher. Nach den Fasnachtsferien schnellten die Zahlen in die Höhe. Angst vor Zuständen wie in Wuhan oder Bergamo machte sich breit. Erst der (vergleichsweise moderate) Lockdown konnte die rasante Ausbreitung des Virus stoppen. Darauf kann Deutschland stolz sein. Doch der Erfolg ist teuer erkauft. Fast drei Millionen sind in Kurzarbeit, eine Insolvenzwelle droht, viele fürchten um ihren Job. Und das trotz milliardenschwerer Konjunkturpakete.

Dazu kommt, dass die Menschen unter dem permanenten Ausnahmezustand leiden: Depressionen und Ängste haben zugenommen. Für Ältere in Pflegeheimen gelten weiter strenge Kontaktregeln. Auch die weniger gefährdete Jugend musste und muss Einschränkungen in Kauf nehmen. Wie aber kann die Zukunft aussehen? Normalität, nach der sich alle sehnen, lässt auf sich warten. Das Virus lauert und so gilt für die kommenden Monate für uns alle: so viel Freiheit wie möglich, so viele Einschränkungen wie nötig. Vermutlich wird noch die eine oder andere Lockerung hinzukommen. Andere wird man – falls die Infektionszahlen steigen – zurücknehmen müssen.

Hoffnung kommt von der Forschung. Wenn alles gut geht, könnte es im Frühjahr einen Impfstoff geben. Selbst, wenn dieser nicht so effektiv sein sollte wie gewünscht: Auch bei der Behandlung von Covid-Patienten zeichnen sich Fortschritte ab. Alles sieht danach aus, dass Corona zu einer beherrschbaren Krankheit werden kann. Doch noch braucht die Wissenschaft Zeit. Wir sollten sie ihr geben – indem wir weiter vorsichtig sind.

Zum Thema