Kommentar

Balanceakt

Thomas Spang zu den neuen Mehrheiten im amerikanischen Kongress: Präsident Trump wird stärker kontrolliert – das ist Chance und Gefahr zugleich

Mit der Übernahme der Mehrheit im US-Repräsentantenhaus durch die Demokraten fangen für Präsident Donald Trump neue Zeiten an. Möglicherweise ist Trumps Gesprächsbereitschaft beim Streit um den Haushalt ein erstes Anzeichen dafür. Erstmals seit Einzug ins Weiße Haus muss der Präsident von nun an Rechenschaft ablegen. Bisher konnte er angesichts der Mehrheiten der Republikaner in beiden Kammern des Kongresses schalten und walten, wie er wollte. Das ändert sich nun.

Von der mutmaßlichen Kooperation mit Moskau im Wahlkampf über private Interessenkonflikte im Umgang mit Saudi-Arabien bis hin zu den Geschäften des Präsidenten, seiner Familienmitglieder und der Trump-Organisation haben die Demokraten 85 Punkte zusammengetragen, auf die sie Antworten verlangen. Notfalls vor einem Untersuchungsausschuss.

Ganz oben auf der Wunschliste stehen die Steuererklärungen Trumps. Die Demokraten versprechen sich davon Hinweise auf Verstrickungen mit autokratischen Regimen, Korruption und Steuerbetrug. Auf die designierte Sprecherin der Demokraten, Nancy Pelosi, wartet ein Balanceakt.

Die Versuchung ist groß, den wenig geliebten Präsidenten mit Vorladungen zu überschütten und damit die Sympathien der Amerikaner zu verspielen. Das gilt insbesondere für ein Amtsenthebungsverfahren, das im Repräsentantenhaus seinen Ausgang nimmt. Jenseits dramatischer Enthüllungen in dem Bericht von Sonderermittler Robert Mueller, ist schwer zu sehen, wo im republikanisch bestimmten Senat die Zweidrittelmehrheit für ein „Impeachment“ Trumps herkommen soll.

Pelosi, die als erste Frau, nach dem Machtverlust der Demokraten 2010, in das drittmächtigste Amt des Staates zurückkehrt, weiß aus Erfahrung, wie sehr sich die Republikaner verkalkulierten, als sie unter umgekehrten Vorzeichen vergeblich versucht hatten, Bill Clinton aus dem Amt zu entfernen. Sie garantierten damit dessen Wiederwahl. Genau darauf setzt Trump, der hofft, Pelosi werde dem Druck der Parteilinken nicht standhalten und sich zu einer Schlammschlacht mit ihm verleiten lassen. Eine Eskalationsstufe darunter zu bleiben, wäre der klügere Kurs. Die Demokraten können über die Ausschüsse effektiv Kontrolle ausüben und offenlegen, wie korrupt diese Präsidentschaft ist. Sollte Trump sich gar der Justizbehinderung oder Verschwörung mit einer gegnerischen Macht schuldig gemacht haben, werden den Rest die Wähler und Gerichte erledigen. Die beste Amtsenthebung Trumps ist die an der Wahlurne im kommenden Jahr. Die Demokraten sollten ihre neue Mehrheit im Kongress nutzen, sich den Bürgern als Partei der Problemlöser zu empfehlen. Blockierer gibt es genug im hyperparteiischen Washington. Und von denen haben die Wähler zu Recht die Nase voll.

Zum Thema