Kommentar

Ballast für Russland

Archivartikel

Alexander Müller zur Debatte um Özil und Gündogan

Mesut Özil schweigt, Ilkay Gündogan grübelt. Das folgenreiche Foto, das die beiden deutschen Nationalspieler mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan in London zeigte, begleitet die DFB-Auswahl durch die heiße Phase der Vorbereitung auf die WM. Man darf getrost davon ausgehen, dass der Weltmeister den Foto-Eklat als leistungsabträglichen Ballast mit nach Russland nehmen wird.

Alle Versuche der Verantwortlichen beim DFB, das unliebsame Thema sanft aus der Welt zu schaffen, sind gescheitert. Der Besuch des türkischstämmigen Mittelfeld-Duos aus Gelsenkirchen bei Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in Berlin am Pfingstwochenende – inklusive einer Foto-Gegenoffensive – wirkte mehr pflichtschuldig und gestelzt als ernst gemeint. Die Pfiffe aus dem deutschen Block beim Test-Länderspiel in Österreich gegen Özil und Gündogan untermauern, dass das Krisenmanagement des Verbandes in der Affäre fehlgeschlagen ist.

Während Gündogan wenigstens noch glaubwürdig versucht zu erklären, wie schwierig der Spagat zwischen der Heimat der eigenen Familie und seinem Geburtsland sein kann, ist Özil komplett abgetaucht. Versuche der DFB-Führung, ihn zu einer öffentlichen Erklärung zu bewegen, blockte der Ball-Virtuose des FC Arsenal vehement ab.

Schaden genommen

Dass die nicht verstummende Diskussion Gift ist, wenn man sich eigentlich auf das nächste Woche beginnenende Großereignis fokussieren soll, erklärt sich von selbst. Es steht zu befürchten, dass nun wieder genauer hingeschaut wird, wer beim ersten Gruppenspiel gegen Mexiko die Nationalhymne mitsingt. Das Image der DFB-Auswahl als Musterbeispiel für gelebte und funktionierende Integration hat Schaden genommen.

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