Kommentar

Bedauerliche Missachtung

Archivartikel

Die Europawahl steht vor der Tür, in Österreich gibt es ein politisches Erdbeben ... all das dürfte für viele wichtiger sein als ein Auftritt von Teilzeitsänger Hugh Jackman in der SAP Arena. Trotzdem hätte es sicher nicht nur Fans und Kinokartenkäufer interessiert, wie sich der „X-Men“-Darsteller live als Sänger schlägt. Nicht zuletzt ein Großteil der Konzertbesucher liest gern eine Einordnung solcher Auftritte durch professionelle Konzertkritiker. Das ist in diesem Fall nicht möglich, weil das Management des 50-Jährigen keine Pressekarten vergibt. Ein Dammbruch, den es so in der Mannheimer Konzertgeschichte noch nicht gab – außer bei „extremeren“ Konzerten von Rechtsrockern oder zuletzt Gangsta-Rappern à la Bushido. In Zeiten von „Lügenpresse“-Rufen wird ein Entertainer hierzulande damit sogar ein Stück weit auf eine Stufe mit Parteien wie der AfD gestellt, die auch keine womöglich unliebsame Berichterstattung zulassen.

Da es keine konkrete Begründung gibt, bleiben nur Spekulationen: Hat „Der Spiegel“ beim ersten Deutschland-Konzert in Hamburg zu vehement an Jackmans Stimme herumgekrittelt? Geht es um Geld, weil in der Arena-Liga Gästelistenplätze oft vom Profit abgehen? Auf jeden Fall ist es Missachtung. Und zwar nicht primär gegenüber den regionalen Medien, sondern es trifft die Öffentlichkeit, für die sie stellvertretend über journalistisch relevante Großereignisse berichten und ihrer Chronistenpflicht nachkommen wollen. Das ist bedauerlich, spiegelt aber letztlich nur das hoch problematisch gewordene Verständnis, das Eliten in den USA inzwischen von Presse und bürgerlicher Öffentlichkeit haben.

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