Kommentar

Behutsam Hilfe vermitteln

Archivartikel

Bertram Bähr zum sensiblen Umgang mit Betroffenen

Menschen mit großen Problemen beim Lesen und Schreiben möchten verständlicherweise nicht, dass andere das bemerken. Sie schämen sich, obwohl sie gar keinen Grund dazu haben. Deshalb entwickeln sie Strategien, um ihre Probleme zu verbergen.

Das klappt in der Regel ganz gut – aber meistens haben sie Helfer. Hier mal ein Formular ausfüllen, dort etwas vorlesen, schnell eine Mail verfassen: Wer seinem Kollegen, seinem Angehörigen oder Freund zur Seite steht, macht das, weil er es gut mit ihm meint. Er mag ihn nicht beschämen – oder verhindern, dass er sich vor anderen schämt.

Gut gemeint ist aber nicht immer gut gemacht. Besser wäre es, den Freund, Kollegen oder Mitarbeiter behutsam auf sein Problem anzusprechen – und ihm aufzuzeigen, wo er Hilfe bekommen kann. So wie das der Chef im Fall von Steffen Senger getan hat. Ohne seinen Angestellten vorzuführen, brachte er ihn kurzerhand zur Abendakademie und vermittelte ihm Kurse.

Das ist der richtige Weg. Denn die Fachleute in der Erwachsenenbildung wollen und können zwar helfen. Aber dazu müssen sie erst einmal wissen, wer Hilfe benötigt. Zwar können sie jetzt mit zusätzlichen Landesmitteln für das Mannheimer Grundbildungszentrum niederschwellige Angebote entwickeln – mit dem Ziel, mehr Betroffene zu erreichen. Aber die individuelle, sensible Ansprache von Menschen mit Lese- und Schreibschwäche ist das Mittel der ersten Wahl.

 
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