Kommentar

Beliebigkeit? Ja, bitte!

Archivartikel

Claudio Palmieri über die Trainerfrage bei Mainz 05

Hinterher weiß man es natürlich immer besser. Schon im Gespräch am Samstagabend vermittelte Sandro Schwarz nicht mehr den kämpferischen Eindruck, der den gebürtigen Mainzer ausmacht – geschweige denn die Aussicht, er könnte Mainz 05 aus der Krise führen.

Die Trennung von der sportlich schon länger umstrittenen Identifikationsfigur war deshalb alternativlos. Aber – und auch das wissen alle erst hinterher besser – sie bringt ein Dilemma mit sich. Denn eine interne Lösung, wie einst Jürgen Klopp, Thomas Tuchel, Martin Schmidt oder eben Schwarz, drängt sich zurzeit nicht auf. Sportvorstand Rouven Schröder sprach sogar explizit davon, dass es wohl auf einen Externen hinauslaufen werde.

Dass sofort Namen wie Jens Keller oder Bruno Labbadia fallen, verwundert kaum. Sie wären eben frei – und werden zum Teil beliebig in den Raum geworfen. Dabei ist Beliebigkeit das Wort, das den Rheinhessen mitunter am meisten Angst bereitet. Daran sind sie nicht ganz unschuldig. Vor allem die Umstrukturierung des Kaders mit Spielern aus dem französischen und spanischen Raum, die eher weniger um die Bedeutung des Vereinsemblems wissen, hat an der Identifikation genagt. Zumal der Erfolg ausblieb und die 05er von einem Europa-Anwärter zu einem irgendwie beliebigen Bundesligisten verkamen.Es zeugt von einer gewissen Tragik, dass ausgerechnet Mainz bei der Trainerfrage jeden Stein umdrehen muss. Klopp, Tuchel, Marco Rose, David Wagner, Torsten Lieberknecht: Die Mainzer Schule hat Fußballlehrer von Bundesliga- und Weltformat hervorgebracht. Gerade deshalb sollte sich Mainz nicht davor scheuen, eine Lösung anzustreben, die gar nichts mit Mainz 05 zu tun hat.

Ein Blick zum Nachbarn kann helfen. Eintracht Frankfurt zauberte 2016 in purer Not mit Niko Kovac einen Nobody aus dem Hut, der mit Leihspielern vorliebnehmen musste. Der Rest ist bekannt. Über fehlende Identifikation klagt dort niemand, denn Frankfurt steht unabhängig vom Erfolg wieder für Fußball, der die Menschen mitreißt. Das sollte auch Mainz 05 beherzigen – nicht nur bei der Wahl des Trainers.

Aber hinterher weiß man es natürlich immer besser.