Kommentar

Bierhoff im Nebel

Archivartikel

Alexander Müller zur Entfremdung der Fans von der DFB-Elf

Wer zündet rhetorische Nebelkerzen? Jemand, der ablenken oder etwas verbergen möchte. Als sich Oliver Bierhoff am Montag den Frust über die seiner Ansicht nach viel zu schlechte Stimmung im Land rund um die deutsche Fußball-Nationalmannschaft von der Seele redete, knöpfte er sich vor allem die Medien vor. Angeblich werde durch zu negative Berichterstattung eine „dunkle Wolke“ über das junge Team geschoben, das sich doch alle Mühe gebe, die DFB-Elf zu altem Glanz zurückzuführen. Eine klassische Nebelkerze, die von eigenen Fehlern ablenken soll. Denn der mächtige DFB-Direktor Bierhoff trägt mindestens eine Mitschuld daran, dass die Reputation des Fußball-Flaggschiffs in der Republik dramatisch gelitten hat.

Die Länderspiele sind schon weit vor Corona zu sterilen Events ohne Atmosphäre verkommen, die Entfremdung von der Basis hat einen neuen Höhepunkt erreicht. Nach dem Hype im Weltmeister-Jahr 2014 dachten die Verantwortlichen um Bierhoff offenbar, der Zuspruch der Fans zum Nationalteam sei ein Selbstläufer, die Geld-Kuh DFB-Elf könne bedenkenlos immer mehr kommerziell ausgeschlachtet werden. Ein fataler Trugschluss.

Als Erstes entstand ein Eindruck der Abgehobenheit. Die Mannschaft wurde in ihren Quartieren abgeschottet wie Staatschefs bei großen Gipfeln, sie waren nun Stars zum Nicht-Anfassen. Öffentliche Trainingseinheiten gab es auch nicht mehr, stattdessen unfreiwillig komische PR-Slogans wie „ZSSMN zur WM 2018“. Das sportliche Waterloo beim Turnier in Russland – nach großspurigen Ankündigungen im Vorfeld – sorgte dann dafür, dass sich aus einem diffusen Gefühl der Entfremdung echtes Desinteresse entwickelte.

Diese Lethargie unter den Fans kann man sicher wieder umdrehen, aber dafür sollte Bierhoff nicht die Schuld bei anderen suchen. Im Nebel sieht man bekanntlich eher schlecht.

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