Kommentar

Bittere Fakten

Archivartikel

Peter Reinhardt ist der Ansicht: Baden-Württemberg darf in der Bildungspolitik keine Zeit mehr verlieren

Seinen Spitzenplatz bei der Schulbildung hat Baden-Württemberg schon vor etlichen Jahren verloren. Fatal ist, dass sich die Verantwortlichen inzwischen daran gewöhnt haben. Der Aufschrei bleibt aus, obwohl der Südwesten beim neuen Bildungstrend für Mathematik und Naturwissenschaften wieder schlechte Noten bekommen hat. Die Kultusministerin von der CDU freut sich schon, dass der Abwärtstrend gestoppt ist. Immerhin steigt Susanne Eisenmann in die Analyse der bitteren Fakten ein. Die mit der CDU regierenden Grünen wollen sogar einen Trend nach oben erkennen.

Dagegen begnügt sich die Lehrergewerkschaft GEW in einer sieben Zeilen langen Stellungnahme mit der Forderung nach mehr Lehrern. Seltsam lahm äußern sich auch die Wortführer der Opposition. Vielleicht hat das damit zu tun, dass SPD und FDP durch ihre frühere Regierungsbeteiligung eine Mitverantwortung an der aktuellen Lage haben.

Recht schnell hat die Politik in Baden-Württemberg die Quittung dafür bekommen, dass sie den Eltern die Wahl der weiterführenden Schule überlässt. Jeder zehnte Fünftklässler ist am Gymnasium, obwohl ihm das die Grundschullehrer nicht zutrauen. Nun beklagen die Politiker die zunehmende Heterogenität der Schüler. Aber die haben sie an dieser Stelle selbst herbeigeführt, weil sie dem Druck der Eltern nachgegeben haben. Unbestritten schwieriger geworden ist Schule durch die Zuwanderer. In Baden-Württemberg ist der Anteil der Schüler mit Migrationshintergrund in nur sechs Jahren um mehr als ein Drittel gestiegen. Das ist eine schwer zu bewältigende Aufgabe. Offenkundig reicht das System der Sprachförderung nicht aus. Der negative Trend in Hessen hängt ebenfalls damit zusammen, dass bald jeder zweite Schüler Wurzeln im Ausland hat.

Kritisch hinterfragen müssen sich auch die Lehrer selbst. Einmal mehr halten ihnen die Experten vor, dass der Unterricht sich nur wenig verändert hat. Die von Eisenmann begonnene Reform von Aus- und Fortbildung wird noch Jahre brauchen, bis sie zu einer steigenden Qualität beiträgt. Im Moment sind die alten Strukturen weg und die neuen Institute funktionieren noch nicht. Deshalb sollten sich die Lehrerkollegien selbst mal Gedanken über mögliche Verbesserungen machen.

Auf keinen Fall darf sich Baden-Württemberg mit der aktuellen Lage anfreunden. Mittelfeld ist Mittelmaß und kann nicht der Maßstab für ein Bundesland sein, dessen Zukunft an der Kreativität seiner Einwohner hängt. Aber die Rückkehr in die Spitzengruppe wird ein langer und harter Weg.

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