Kommentar

Bosz macht Bock

Archivartikel

Marc Stevermüer zur Spielweise von Bayer Leverkusen

Der Name galt schon als verbrannt. Hübsch anzusehen sei dieser bisweilen atemberaubende Fußball von Peter Bosz allemal, hieß es, ehe das große Aber folgte: Denn die Verteidigung, so konnte man meinen, gehöre nicht zwingend zu seinem Konzept. Entsprechend wurde der Niederländer nach starkem Start im Dezember 2017 bei Borussia Dortmund entlassen. Seine Idee galt unter dem Strich als ein wenig naiv und der Trainer als gescheitert. Eine neue Chance in der Bundesliga schien ausgeschlossen.

Mit fast zwei Jahren Abstand muss man indes ehrlich festhalten, dass es damals beim BVB auch ohne Bosz nicht sehr viel besser lief. Mit Hängen und Würfen rettete sich der Club in die Champions League, in der in dieser Saison auch die Leverkusener antreten. Und zwar nicht nur mit Peter Bosz auf der Bank, sondern auch mit Peter-Bosz-Fußball, was zumindest die These zulässt, dass die Leverkusener seine Ideen einfach besser umsetzen als die Dortmunder damals.

Gewiss: Zwei Siege in dieser Runde gegen Paderborn und Düsseldorf gehen jetzt nicht als Härtetest durch, in der vergangenen Rückrunde führte der im Januar geholte Niederländer aber Bayer auf Rang vier und meisterte deutlich schwierigere Prüfungen trotz seines Risikofußballs, bei dem er die möglichen Nebenwirkungen in Kauf nimmt. Bosz ist ein Prophet der kompromisslosen Offensive, er setzt auf Tempo, auf Attacke – es gibt wenige Geheimnisse um seine Ausrichtung, die doch so vielen Gegnern Probleme bereitet.

Aggressiv pressen, hoch stehen, überfallartig umschalten – was ein bisschen anarchisch oder gar selbstzerstörerisch klingt, klappt seit mehr als einem halben Jahr ziemlich gut bei Bayer 04, wo er auch die entsprechenden Spieler im Kader für sein System hat: Leon Bailey, Kerem Demirbay, Kai Havertz, Karim Bellarabi oder Nadiem Amiri – jeder aus diesem Quintett kann für etwas Spektakuläres, Besonderes, ja sogar Einzigartiges sorgen, auch weil der Trainer seinen feinen Instinkt-Fußballern ihre Freiheiten lässt. Und wenn wir alle einmal ehrlich sind: Bosz-Fußball macht Bock, genau den wollen wir doch sehen – und keine am eigenen Strafraum dauerhaft versammelten Fünferketten oder Mannschaften, für die es nur noch ein Spiel gegen den Ball gibt und bei denen im Angriff wahlweise der Zufall oder der liebe Gott helfen soll.

 
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