Kommentar

Bunte Republik

Archivartikel

Deutschland ist bunt. Wer das noch nicht verstanden hat, dem liefert es das Statistische Bundesamt nun schwarz auf weiß: Jeder Vierte hier lebende Mensch hat Wurzeln in einem anderen Land. Noch nie gab es mehr Menschen mit Migrationshintergrund. Nun ist das für jeden, der kürzlich mal eine Zeitung in die Hand genommen oder das Fernsehen eingeschaltet hat, keine Überraschung. Dennoch ist bei vielen noch nicht angekommen, dass Deutschland längst ein Einwanderungsland ist – egal ob mit entsprechendem Gesetz oder ohne.

Die Statistik belegt aber nicht nur das, sondern verdeutlicht auch, wie wichtig Integration – wohlgemerkt nicht als Assimilation verstanden, sondern als beidseitiger Prozess – für dieses Land ist. Sie ist eine der Schlüsselfragen des 21. Jahrhunderts. Und wo wir dabei stehen, hat die Debatte um den Rücktritt des Fußball-Nationalspielers Mesut Özil gezeigt.

Bei aller Aufregung darf man eines aber nicht vergessen: Vielerorts klappt das Zusammenleben gut. Die einst Fremden sind längst zum Rückgrat der Gesellschaft geworden. Ob im Supermarkt, auf dem Bau, im Krankenhaus oder in der Kirche: In zahllosen Bereichen würde ohne sie kaum noch etwas funktionieren; langfristig auch nicht unsere unter der Überalterung ächzenden Sozialsysteme. Fakt ist allerdings auch, dass beim Studium und den akademischen Berufen Migranten noch unterrepräsentiert sind; dass hier ein gesellschaftliches Ungleichgewicht besteht. Fakt ist, dass Menschen mit ausländischen Namen schlechtere Chancen in der Schule haben und bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz oder einer Wohnung benachteiligt werden.

Fakt ist, dass manche deutschen Paare, sobald sie Kinder kriegen, in Gegenden ziehen, wo der Migrantenanteil in der Grundschule nicht bei 50 Prozent und mehr liegt. Wo die Lehrer nicht heillos überfordert sind, weil ein beachtlicher Teil der Kinder kein Deutsch kann, und sie darum nicht wissen, wie sie ihnen Rechnen und Schreiben beibringen sollen – ohne dabei die anderen zu vernachlässigen. Wer sagt, dass das kein Problem darstellt, lügt. Ebenso wie diejenigen, die behaupten, das sei das Problem.

Fakt ist also, dass wir bei der Integration noch beachtliche Mängel haben. Was aber macht die Bundesregierung? Sie streitet über Scheinprobleme. Und warum? Weil Wahlen anstehen. Pfui Teufel, Herr Seehofer! Anstatt Ankerzentren brauchen wir Sprachkurse! Anstatt Grenzpolizisten brauchen wir Schulsozialarbeiter! Und anstatt verlogener Debatten brauchen wir eine ehrliche Analyse!

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