Kommentar

Chance und Risiko

Archivartikel

Jan Kotulla zur Vergabe der Winterspiele 2026

Der Favorit hat das Rennen gemacht. 20 Jahre nachdem in Turin die Winterspiele ausgetragen wurden, kehrt Olympia nach Italien zurück. Die Entscheidung der IOC-Funktionäre für Mailand kommt dabei alles andere als überraschend. Mitbewerber Stockholm war von Anfang an ein ungleicher Konkurrent. Weder die lokalen Politiker noch die große Mehrheit der Bürger stand hinter dem Ansinnen einiger schwedischer Sport-Begeisterter, – die dessen ungeachtet – das Verfahren einfach trotzdem weiter vorantrieben.

Vielleicht wollte man so eine Blamage für das Internationale Olympische Komitee verhindern. Schließlich lassen sich seit Jahren kaum noch demokratisch geführte Staaten für die Ausrichtung der aufwendigen Wettbewerbe begeistern. Jetzt gab es immerhin zwei Kandidaten und beide auch noch aus Europa!

Das kanadische Calgary, die Eidgenossen in Graubünden und Sion sowie Innsbruck hatten angesichts der zu erwartenden horrenden Kosten abgewunken oder die Bevölkerung per Volksentscheid gegen eine Bewerbung gestimmt.

Dabei hatte IOC-Boss Thomas Bach die Zeichen der Zeit und der Klimaerwärmung erkannt und die Vergaberichtlinien angepasst. Seitdem ist die Nutzung von Sportstätten in Nachbarländern erlaubt, es wird – offiziell – Wert auf Nachhaltigkeit gelegt, um die hässlichen Bilder von Arena-Ruinen zu verhindern.

Früchte getragen hat dies bislang noch nicht. Wenn es Mailand gelingt, in Sachen Infrastruktur, Transport, Naturschutz, Müllvermeidung und anderen wichtigen Bereichen neue Maßstäbe zu setzen, könnte ein Umdenken bei allen Beteiligten einsetzen.

Alternativen fehlen

Setzen die Macher in Mailand auf ein „Weiter wie gehabt“ mit Entscheidungen hinter verschlossenen Türen, dürfte es hingegen nahezu unmöglich sein, europäische Nationen zukünftig für Winter- aber auch Sommerspiele zu begeistern. Für die Austragung 2022 hatten sich mit Chinas Hauptstadt Peking und Almaty in Kasachstan auch nur zwei Kandidaten gefunden. Beide Staaten haben nicht den Ruf, vehement für Menschenrechte und Demokratie einzustehen. Dies wurde zu Recht kritisiert. Doch angesichts der fehlenden Alternativen hatte sich das IOC – zum zweiten Mal nach 2008 – für das Reich der Mitte entschieden.

Jetzt haben die Italiener noch fünf Jahre Zeit, um zu beweisen, dass sie als klassische Wintersport-Nation einen Kontrapunkt zu den Bombast-Spielen von Peking setzen können. Insofern sind die Spiele 2026 eine große Chance – sie bergen jedoch auch ein großes Risiko.

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