Kommentar

Chance verpasst

Peter W. Ragge zum neuen Schreiben des Papstes

Riesige, ja übertriebene Hoffnungen verbanden viele Katholiken mit dem lange angekündigten Brief, den Papst Franziskus am Mittwoch veröffentlicht hat. Sie wünschten sich, der Pontifex werde all das billigen, was die Amazonas-Synode im Oktober diskutiert hat – den Abschied vom Pflicht-Zölibat der Priester über die Weihe schon lange aktiver Laien („viri probati“) bis zur stärkeren Beteiligung von Frauen. Nichts davon hat der Papst zugelassen.

Wer das wirklich erwartete, war ziemlich unrealistisch. So schnell reformfähig ist die mehr als 2000 Jahre alte, nach wie vor wie eine absolutistische Monarchie geführte Katholische Kirche – leider – nicht. Aber dennoch ist der Brief sehr enttäuschend.

In ein paar ganz wenigen, völlig vagen Formulierungen blieben für Laien und Frauen sehr langfristig winzige Hintertürchen offen. Aber zunächst hat der Papst rundheraus alle Reformvorschläge abgelehnt und damit die große Chance verpasst, wenigstens Impulse für das weitere Nachdenken darüber zu geben, wie die Kirche ihre gravierenden Personalprobleme lösen will. Dass Franziskus für mehr Priester beten möchte, hilft den Menschen nicht – weder den Gläubigen im Amazonas-Gebiet, wo meilenweit kein Pfarrer aufzutreiben ist, noch in Deutschland.

Der Papst hat mit dem Schreiben nämlich nicht allein die Gläubigen im weitläufigen Südamerika mit ihren Problemen alleingelassen. Auch für den gerade erst eröffneten „Synodalen Weg“, bei dem in Deutschland nun zwei Jahre lang Kleriker und Laien über eine Reform der Kirche sprechen wollen, stellt dieser Brief aus Rom leider keine Ermutigung dar.