Kommentar

Chaos in Cannstatt

Marc Stevermüer zur Situation des VfB Stuttgart

Es war eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Aber dem VfB Stuttgart gelang es in der vergangenen Woche tatsächlich, für positive Schlagzeilen zu sorgen. Die Verpflichtung von Sven Mislintat als Sportdirektor wurde ausnahmsweise nicht nur in Cannstatt, sondern sogar bundesweit gefeiert. Der Neue gilt schließlich als „Diamantenauge“, weil er einst für Borussia Dortmund so viele Toptalente entdeckte, die anschließend zu Stars wurden. So weit, so gut. Doch den Hoffnungen auf eine bessere Zukunft steht erst einmal eine düstere Gegenwart gegenüber.

Klar ist schon jetzt – und zwar unabhängig vom Ausgang der Saison: Zunächst einmal dürfte in Stuttgart nicht nur Mislintats feines Transfergespür gefragt sein. Der 46-Jährige wird auch recht schnell beweisen müssen, wie hart er durchgreifen kann, um das von seinem Vorgänger Michael Reschke angerichtete Chaos halbwegs zu beseitigen. Denn in dieser VfB-Mannschaft passt eigentlich gar nichts zusammen. Im Gegenteil: Es wurde viel Geld falsch angelegt.

Es riecht nach Platz 17

Das fängt bei den teuren Tribünenhockern an: Holger Badstuber schaut nur zu, nachdem sein Vertrag vor dieser Saison bis 2021 verlängert worden war. Für den damaligen Rekordeinkauf Pablo Maffeo blätterten die Schwaben im Sommer 2018 zehn Millionen Euro hin, nun wollen sie ihn wieder loswerden. Doch die Jungs, die auf dem Rasen stehen, treten seit Monaten selten den Beweis an, dass sie besser sind.

Die Schwaben strahlen praktisch keine Torgefahr aus, ihnen fehlt es an Struktur im Aufbauspiel und die Abwehr lässt eigentlich immer mindestens ein Gegentor dazu. Es ist dieser gefährliche Mix, der aus einer Mannschaft einen Absteiger macht, zumal auch der Trainer nicht den Eindruck erweckt, noch einmal die Wende herbeiführen zu können. Viel hat der im Herbst von Reschke verpflichtete Markus Weinzierl probiert – und wenig funktioniert seitdem: Vier Siege in 21 Partien sind schlichtweg desaströs. Und vor allem fragt man sich: Was will der Trainer eigentlich spielen lassen? Eine Idee ist hinter dem einfallslosen Gekicke zumindest nicht zu erkennen – und bislang half dem VfB einzig, dass es mit Hannover und Nürnberg zwei vermeintlich schlechtere Rivalen gibt.

Das glauben die Stuttgarter offenbar immer noch. Sie treten seltsam leidenschaftslos auf und geben sich gefühlt mit dem Relegationsrang zufrieden. Aber die Schwaben sollten sich angesichts des deutlichen Nürnberger Formanstiegs nicht zu sicher sein, diese Chance überhaupt zu bekommen, die sie ohnehin nicht verdient hätten. Momentan spricht eher sehr viel dafür, dass Mislintat schon nach dem 34. Spieltag Planungssicherheit hat – und einen Zweitligakader zusammenstellen muss.

 
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