Kommentar

Walter Serif über Friedrich Merz, der als Bewerber um den CDU-Vorsitz dem „Partei-Establishment“ ein Komplott vorwirft

Dem Furor Friedrich Merz geht es nur um sich selbst

Archivartikel

Walter Serif über Friedrich Merz, der als Bewerber um den CDU-Vorsitz dem „Partei-Establishment“ ein Komplott vorwirft

Dass Friedrich Merz keine Diplomatenschule besucht hat, weiß längst jeder. Aber mit seinem brachialen Verhalten in Richtung CDU-Spitze hat der Sauerländer bewiesen, dass es ihm bei seinem Kampf um den Vorsitz weder um die Partei noch ums Land geht. Merz tritt wie eine politische Ich-AG auf. Fast schon in Trumpscher Verschwörungsmanier wirft er dem „Partei-Establishment“ praktisch ein Komplott gegen ihn selbst vor. Zu diesem Kreis gehört übrigens auch Thomas Strobl. Der Bundesvize hat nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass er ein Merz-Anhänger ist. Doch auch Strobl reagierte fassungslos auf die heftigen Attacken, die der Bewerber via Twitter, Fernsehen und Presse mit Wucht ritt.

Das geht einfach nicht. Merz schädigt das Ansehen der CDU, die auf das Publikum wie ein Chaos-Laden wirken muss. So etwas gibt es gewöhnlich eher in der SPD, die es in der Vergangenheit meisterhaft verstanden hat, ihren selbstzerstörerischen Kräften freien Lauf zu lassen. Mal schau’n, wie sich der Merzsche Furor auf die Umfragewerte auswirken wird. Ende nächster Woche gibt es ein neues Politbarometer der Mannheimer Forschungsgruppe Wahlen.

Apropos Umfrage. Merz hat seine Komplott-Vorwürfe ja damit begründet, dass das „Partei-Establishment“ den ihm nicht genehmen Favoriten mit einer taktischen Finte – also der Verschiebung des Parteitags – hätte verhindern wollen. Nur, wie kommt Merz eigentlich darauf, dass seine Chancen so groß sind? An den Umfrage-Zahlen lässt sich das jedenfalls nicht ablesen. Im Politbarometer vom 9. Oktober hat Merz zwar bei den Unionsanhängern die Nase vorn. Aber nur knapp, der Vorsprung vor seinem härtesten Konkurrenzen Armin Laschet, dem NRW-Ministerpräsidenten, beträgt gerade mal drei Punkte. Merz kommt auf 32 Prozent.

Außerdem entscheiden bei der Wahl nicht CDU-Anhänger, sondern Delegierte. Wie die abstimmen werden, weiß keiner. Es sind Mandatsträger, die wie Merz wissen, dass der neue Parteichef den Erstzugriff auf die Kanzlerkandidatur hat. Es geht also nicht nur darum, wer Annegret Kramp-Karrenbauer ablöst, sondern wer das Erbe von Angela Merkel antritt. Ob der Einzelkämpfer Merz eine Partei einen und führen kann – da gibt es schon Zweifel. Wie soll aber ein Kanzlerkandidat in einem Bundestagswahlkampf bestehen, in dem er – falls er sich nicht radikal ändert – als tickende Zeitbombe Schaden anrichten könnte?

Man mag Laschet für zu ängstlich und den klaren Außenseiter Norbert Röttgen für zu intellektuell halten – Merz ist aber auch kein Politiker, dem man frohen Muts zutrauen kann, Deutschland zu regieren. Angela Merkel, die als Kanzlerin auch die Macht der Unionsparteien zementiert hat, muss sich vorwerfen lassen, dass es ihr nicht gelungen ist, geeignete Nachfolger aufzubauen. Kann aber sein, dass ihr das inzwischen egal ist.