Kommentar

Den Schwung bewahren

Archivartikel

Peter W. Ragge zu den neuen Gottesdienstregeln

Endlich! Seit einer Woche dürfen sie wieder – aber erst an diesem Wochenende öffnen sich tatsächlich die Türen zumindest einiger Kirchen zu Gottesdiensten. Und das Merkwürdige ist: Viele Pfarrer und Ehrenamtliche hoffen, dass nicht gleich zu viele Gläubige kommen, damit die wegen des Coronavirus nach wie vor unverzichtbare Abstandsregel eingehalten werden kann.

Dabei sind die Vorschriften für Gotteshäuser komischerweise strenger als für Bau- und Möbelmärkte. Um – wegen der Staatsferne der Kirchen – sich nur ja keinen direkten Vorgaben der Behörden unterwerfen zu müssen, haben die Bischöfe und Landeskirchen die Ämter gar mit Einschränkungen und Formalismen zu übertreffen versucht. An die Gottesdienste, wie man sie früher kannte und schätzte, erinnert da leider nicht mehr viel.

Dennoch werden viele Gläubige dankbar sein, nun wieder in der Kirchenbank sitzen, den Pfarrer von Angesicht zu Angesicht erleben zu dürfen. Auch wenn Atheisten das nicht verstehen – der Blick auf das Kreuz, die Predigt, das gemeinsame Singen und das Gebet, das Zusammensein in besonderer Atmosphäre gibt sehr vielen Menschen Halt. Sie schöpfen daraus, gerade in schweren Zeiten, wertvolle Kraft.

Daher war es zwar ein angesichts der Gefahr durch die Corona-Pandemie sicher nötiges, aber besonderes Opfer der Kirchen, auf Gottesdienste und damit das grundgesetzlich verbriefte Recht der freien Religionsausübung zu verzichten. Und wie schwer das gerade vielen Katholiken fiel, spürte man daran, wie oft die Bischöfe öffentlich verkündeten, dass sie vom Sonntagsgebot Dispens erteilen – damit ältere Menschen als Angehörige der Risikogruppen keine falsche innere Verpflichtung verspüren, am Gottesdienst teilzunehmen.

Dabei haben sich die Kirchen in dieser Krise nicht nur bewährt, sondern viele Pfarrer und Gemeinden sind auf bewundernswerte Weise über sich hinausgewachsen. Auch ohne gemeinsame Gottesdienste musste sich niemand alleingelassen fühlen – im Gegenteil.

Ob Gebete an der Wäscheleine oder in Tütchen am Kirchenportal, Telefonpredigten, Internetandachten, Blogs, Anrufketten: Die einst oftmals verstaubt erscheinende Kirche wirkte plötzlich modern wie nie, erprobte aus der Not heraus frische Konzepte, erwies sich kreativ und innovativ, war in der Öffentlichkeit sogar stärker präsent und näher bei vielen Menschen als früher. Hoffentlich bewahrt sie sich nun diesen Schwung und fällt nicht wieder zurück in den alten Trott.