Kommentar

Deprimierende Aussicht

Thomas Spang ist der Meinung, dass US-Präsidentschaftsbewerber Joe Biden nicht die Zukunft der demokratischen Partei darstellt

Die Wahlkampf-Strategen Joe Bidens betrieben vor dem ersten Zusammentreffen der zehn führenden Präsidentschafts-Kandidaten der Demokraten auf einer Bühne in Houston Erwartungsdiät. Jetzt feiern sie als Erfolg, dass der ehemalige Vizepräsident keine kapitalen Fehler begangen hat. Die eigentliche Botschaft der Debatte an die Parteizentrale der Demokraten muss passend zum Ort im übertragenen Sinn eine andere sein: Houston, wir haben ein Problem!

Und das besteht darin, dass Biden seit Eintritt in den Wahlkampf im April keine Wähler hinzugewinnen konnte. Er steckt bei knapp einem Drittel der Stimmen fest. So sehr sie seine Menschlichkeit und die Verdienste an der Seite Barack Obamas schätzen, denken viele in der Partei, dass der 76-Jährige nicht die Zukunft der Demokraten verkörpert. Mit seinem Ratschlag an Eltern, öfter mal den Schallplattenspieler für die Kinder einzuschalten, definierte er sich in der Debatte selbst als gestrig.

Gewiss ist das sympathischer als die Antiquiertheit Donald Trumps, dessen rassistische „Amerika-über-alles“-Nostalgie auch noch brandgefährlich ist. Aber die Aussicht auf ein Rennen zwischen zwei alten, weißen Männern, die beide nicht mehr ganz trittsicher sind, bleibt deprimierend.

Zumal es prickelnde Alternativen gibt. Die beiden Power-Frauen Elizabeth Warren und Kamala Harris haben in Houston ihr Potenzial ebenso gezeigt wie die beiden Wunderjungen Beto O’Rourke und Pete Buttegieg. Egal, wie sich der Richtungskampf in der Partei entscheidet, und wer im kommenden Jahr von den Demokraten aufs Schild gehoben wird: Jeder der zehn Kandidaten von Houston wäre gegenüber dem Amtsinhaber ein Quantensprung nach vorn – selbst Joe Biden.

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